Dr. Hermann Freudenberger
* 1875
LEHRER 1900-1910
DR. HERMANN
FREUDENBERGER
JG. 1875
ENTRECHTET / GEDEMÜTIGT
FLUCHT IN DEN TOD
23.6.1941
Grindelhof 30 (TTS)
Weitere Stolpersteine in Grindelhof 30 (TTS): Walter Nathan Herz | Artur Toczek | Mathias Stein | Emil Nachum | Richard Levi | Heinz Leidersdorf | Benno Kesstecher | Dr. Alberto Jonas | Leopold Hirsch | Bertha Hirsch |
Artur Toczek, geb. 22.11.1908 in Hindenburg, am 14.7.1942 deportiert nach Theresienstadt, am 19.10.1944 weiter deportiert nach Auschwitz
Mathias Stein, geb. am 7.4.1874 in Storndorf/Hessen, am 19.7.1942 nach Theresienstadt deportiert, am 26.9.1942 nach Treblinka deportiert, ermordet
Emil Eleasar Nachum, geb. am 22.8.1893 in Hamburg, am 8.11.1941 nach Minsk deportiert, ermordet
Richard Levi, geb. am 7.3.1911 in Essen, deportiert am 11.7.1942 nach Auschwitz, ermordet
Adele Leidersdorf, geb. Heymann, geb. 22.1.1878, deportiert am 6.12.1941 nach Riga
Benno Kesstecher, geb. am 20.3.1917 in Köln, 1938 Flucht nach Belgien, im Frühjahr 1945 in der Nähe von Hannover-Linden zu Tode gekommen
Dr. Marie Anna Jonas, geb. Levinsohn, geb. 12.1.1893, am 19.7.1942 nach Theresienstadt deportiert, ermordet im Herbst 1944 in Auschwitz
Leopold Hirsch, geb. am 05.05.1896 in Samter, deportiert am 18.11.1941 nach Minsk 1944
Ernestine Hirsch, geb. Weiss, geb. am 23.10.1869 in Tyrnau, deportiert am 5.5.1943 nach Theresienstadt, dort am 7.10.1943 gestorben
Grindelhof 30 (TTS)
Hermann Freudenberger, geb. am 29.12.1875 in Heidingsfeld bei Würzburg, Flucht in den Tod am 23.6.1941 in Frankfurt am Main
Grindelhof 30
Hermann Freudenberger wuchs in einer kinderreichen Lehrerfamilie auf. Seine Eltern hießen Jakob und Sara, geborene Bacharach; er hatte zehn Geschwister: Jenny, Markus, Julius (Juda), Aron, Hannah, Felix, Esther, Jette, Sophie und Fanny. Nach dem Besuch des humanistischen Alten Gymnasiums in Würzburg, das er mit dem Abitur abschloss, studierte er deutsche Sprache, Geschichte und Erdkunde in Würzburg und München. 1898 legte er das bayerische Staatsexamen ab und arbeitete anschließend zwei Jahre lang als Lehrer an der Real- und Handelslehranstalt in Neustadt an der Aisch in Mittelfranken. Ab 1900 war er zehn Jahre lang in Hamburg als Oberlehrer an der Talmud Tora Schule tätig, wo er seine Studienfächer Deutsch, Geschichte und Erdkunde unterrichtete. In jener Zeit wurde er zudem an der Universität Rostock zum Dr. phil. promoviert, und zwar im Jahr 1902 mit einer Dissertation zu dem Thema "Hamburgs Streit mit Christian IV. von Dänemark über den Glückstädter Zoll 1630–1645". Sein ehemaliger Schüler, der spätere Journalist und Kinderbuchautor Cheskel Zwi (ehemals Hans) Klötzel, würdigte ihn in seinen Erinnerungen als "ungewöhnlich begabten und anregenden Lehrer".
1910 zog Hermann Freudenberger von Hamburg nach Frankfurt am Main, wo er eine Anstellung am Philanthropin erhalten hatte. Das Philanthropin (Griechisch für "Stätte der Menschlichkeit") war eine Schule der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt und 1804 im ehemaligen, 1796 aufgehobenen jüdischen Getto der Stadt gegründet worden. Als staatlich anerkannte Einrichtung nahm es von Beginn an auch nichtjüdische Schüler auf. Sein Wahlspruch lautete "Für Aufklärung und Humanität" und so gehörten die am Philanthropin tätigen Lehrer auch der liberalen Strömung des Judentums an, dem Reformjudentum. Dieses unterteilte die jüdischen Gebote in ethische und rituelle und vertrat die Auffassung, dass die ethischen Gesetze zeitlos und unveränderlich seien, die rituellen Gesetze hingegen dem jeweiligen Lebensumfeld angepasst werden könnten. Mit bis zu 1000 Schülern war das Frankfurter Philanthropin die größte und am längsten bestehende jüdische Schule in Deutschland.
In Hamburg hatte Hermann Freudenberger zusammen mit seiner ersten Ehefrau, der 1880 in Tann (Röhn) geborenen Ida, geborene Heilbronn, zwei Kinder bekommen: Fritz (1904) und Susi (1907). 1914 starb Ida Freudenberger in Frankfurt mit nur 33 Jahren. Im Jahr darauf heiratete Hermann Freudenberger Mirjam Wechsler. Sie war am 13. August 1886 als Tochter des Rabbiners Moshe Pinchas Elchanan (Heinrich) Wechsler und dessen Frau Clara-Grelel, geborene Rosenbaum, in Schwabach/Mittelfranken geboren worden und in Höchberg bei Würzburg aufgewachsen. Ab 1902 hatte sie mit ihrer Mutter in Würzburg gelebt und als Buchhalterin gearbeitet. Hermann und Mirjam Freudenberger lebten gemeinsam in Frankfurt in der Blumenstraße 4 und bekamen ebenfalls zwei Kinder, ein Sohn erhielt den Namen Kurt. 1931 starb Hermann Freudenbergers Tochter Susi aus erster Ehe mit nur 24 Jahren.
Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 verschlechterten sich die Bedingungen für das Philanthropin als jüdischer Bildungseinrichtung zunehmend. Am 1. Oktober 1938 entzog das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung ihm den Status einer öffentlichen Schule, drei Wochen später wurden in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November etliche seiner Lehrer inhaftiert. Zwei von Hermann Freudenbergers Kollegen starben an den Folgen der Haft. Im April 1939 musste die Jüdische Gemeinde das Schulgebäude für einen geringen Betrag an die Stadt verkaufen. Am 1. April 1941 wurden die höheren jüdischen Schulen im Deutschen Reich geschlossen, am 30. Juni 1942 die Volksschulen. Ab Dezember 1941 wurden Schüler und Lehrer des Philanthropins deportiert und die meisten von ihnen ermordet. Das erlebte Hermann Freudenberger jedoch nicht mehr. Zusammen mit seiner Frau Mirjam hatte er sich am 23. Juni 1941 in Frankfurt selbst getötet.
Bereits am 22. Januar 1941 war ihr Sohn Fritz in der NS-Tötungsanstalt Hadamar bei Limburg mit Gas umgebracht worden.
In Yad Vashem erinnert ein Gedenkblatt an Hermann Freudenberger.
2024 erschien eine von Angelika Rieber verfasste ausführliche Biografie zu Hermann Freudenberger und seiner Familie auf der Website „Projekt Jüdisches Leben Frankfurt am Main“.