Kela Schwarzschild
* 1900
HIER WOHNTE
KELA SCHWARZSCHILD
GEB. BAMBERGER
JG. 1900
DEPORTIERT 1941
MINSK
???
Schlankreye 17
Weitere Stolpersteine in Schlankreye 17: Leopold Meier Schwarzschild | Ignatz Schwarzschild | Kela Schwarzschild |
Ignaz Schwarzschild, geb. am 18.6.1896 in Hamburg, deportiert am 6.12.1941 nach Riga, gestorben in Salaspils 1942
Ignaz Schwarzschild, geb. am 18.6.1896 in Hamburg, deportiert am 6.12.1941 nach Riga, gestorben in Salaspils 1942
Ignaz Schwarzschild, geb. am 18.6.1896 in Hamburg, deportiert am 6.12.1941 nach Riga, gestorben in Salaspils 1942
Schlankreye 17
Ignaz Schwarzschild, geb. am 18.6.1896 in Hamburg, deportiert am 6.12.1941 nach Riga, gestorben in Salaspils 1942
Kela Schwarzschild, geb. Bamberger, geb. am 31.1. 1900 in Sulz, deportiert am 8.11.1941 nach Minsk
Leopold Meier Schwarzschild, geb. am 2.2.1924 in Hamburg, deportiert am 6.12.1941 nach Riga, ermordet in Salaspils 1942
Schlankreye 17
Der Kantor Ignaz Schwarzschild und seine Ehefrau Kela zogen Mitte der 1920er Jahre in das Erdgeschoss des Neubaus Schlankreye 17. Ihr Sohn Leopold, genannt Poldi, war schon geboren, und der zweite Sohn Salomon (Schlomo) kam in der Schlankreye zur Welt. Salomon überlebte den Holocaust. Er kam später oft zu Besuch nach Hamburg und gab Auskunft über sein Leben und das Leben seiner Familie.
Schlomos früheste Kindheitserinnerungen bezogen sich auf den Spielplatz in der Hofanlage, wo sich die Kinder sehr wohl gefühlt hätten. Die Häuser gehörten der Malereigesellschaft, einer Genossenschaft. Die Nachbarn standen eher der politischen Linken nahe, aber es waren keine „kleinen Leute“, denn die Wohnungen waren nicht billig. Die Mieter waren meist Kaufleute, Handwerksmeister, z. B. aus der Malereigesellschaft, und es wohnten viele Lehrer in der Schlankreye. Die Schwarzschilds waren die einzige jüdische Familie in der Nachbarschaft. Sie lebten nach ihren Religionsgesetzen, die Kinder gingen z. B. sonnabends nicht in die Schule. Dazu sagte Schlomo Schwarzschild: „Wir sind so erzogen worden … Wir sind Juden, wir sind nicht Deutsche, sondern wir sind Juden, die in Deutschland leben …“
Schlomos Vater Ignaz Meier Bertram Schwarzschild, wie er mit vollem Namen hieß, war Hamburger. Sein Vater war der Kaufmann Leopold Meier Schwarzschild und seine Mutter hieß Bertha, geb. Cohen. Als Ignaz geboren wurde, lebte seine Familie in der Hansastraße 47.
Kela Schwarzschild war zwar im Elsass geboren, kam aber schon als kleines Kind nach Hamburg, denn ihr Vater, Selig Pinchas Bamberger, hatte 1901 eine Stelle als einer der beiden Rabbiner in der Synagoge „Vereinigte Alte und Neue Klaus“ in der Rutschbahn angetreten, die er bis zu seinem Tod 1936 innehatte. 1898 hatten Selig Bamberger und Lea, geb. Kahn, in Wiesbaden geheiratet. Lea war in Wiesbaden geboren, und ihre Eltern, der Rabbiner Leo Kahn und Sarah, geb. Dukas, lebten dort. Aus der Ehe von Lea und Selig Bamberger gingen drei Kinder hervor: Kela, der Bruder Isaak und die Schwester Matel. Lea Bamberger starb im Februar 1914. Sie wurde nur 37 Jahre alt. Der Witwer Selig Bamberger ging Ende 1914 in Hamburg eine zweite Ehe ein, er heiratete Malchen Katzenstein, die aus Kopenhagen stammte. Da wohnte er mit seinen Kindern in der Hansastraße 42. Aus der zweiten Ehe Selig Bambergers gingen vier Kinder hervor: Martin Shelomo (geb. 1918, gest. 1984), Naphtali (geb. 1919), Lea (geb. 1920, gest. 1976) und Abraham (geb. 1921). Das waren Kelas Halbgeschwister.
Ignaz Schwarzschild war Kantor, also Vorbeter, in der Synagoge Hoheluftchaussee 25. Um seine Familie zu ernähren, arbeitete er als Buchhalter und verkaufte Zigarren und Zigaretten. Das Adressbuch wies ihn als Kaufmann aus. Auch Kela Schwarzschild arbeitete für den Lebensunterhalt der Familie. Sie hütete Kinder, machte sauber und kochte bei anderen Leuten.
Im Januar 1936 ließen sich Ignaz und Kela Schwarzschild scheiden und gingen beide eine neue Ehe ein. Aus der Wohnung in der Schlankreye zogen sie aus. Schlomo Schwarzschild blieb bei seiner Mutter, nachdem er eine Zeit bei Verwandten verbracht hatte, Leopold blieb beim Vater. Kela heiratete in zweiter Ehe Max Bundheim, einen ehemaligen Privatbankier. Max Bundheim war auch geschieden. Mit seiner ersten Ehefrau Erna, geb. Levy, die er 1920 geheiratet hatte, hatte er vier Kinder: Norbert (Jg. 1922), Paula (Jg. 1924), Hilde (Jg. 1929) und Lotte (Jg. 1930). Familie Bundheim wohnte in der Parkallee. Max und Kela versuchten auszuwandern. Er lernte Englisch und erlernte den Beruf des Heilpraktikers und Masseurs. Seine Frau ging zu Konsulaten und erkundigte sich nach einem Visum. Aber es war zu spät. Von der Hansastraße aus wurden sie am 8. November 1941 nach Minsk deportiert.
Ignaz Schwarzschild heiratete 1938 kurz nach der Scheidung in zweiter Ehe Betty Schwarzschild, geb. Sachs (geb. 1909), mit der er zwei Kinder bekam: Abraham (geb. 8.7.1937) und Sara (geb. 9.9.1938). 1938 wohnte er im Grindelhof 75. Er selbst bemühte sich nicht um eine Auswanderung, sondern unterrichtete auswanderungswillige junge Juden in Hebräisch. Zu seinem Sohn Schlomo sagte er: „Gott will, dass die Juden zum Judentum zurückkehren.“ So erklärte er sich die Verfolgung und Drangsalierung der Juden. Ignaz Schwarzschild musste mit dem Sohn Leopold und seiner neuen Familie in das Haus Bornstraße 22 ziehen. Dieses Haus war das Louis-Levy-Stift, das 1903 erbaut wurde. Der Stifter hatte 1898 bei seinem Tod ein beträchtliches Vermögen hinterlassen, von dem drei Wohnstifte erbaut werden konnten. Das Haus in der Bornstraße hatte zwölf Wohnungen und zwei Läden mit dazugehörigen Wohnungen. Nach den Deportationen 1941 wurde es 1942 ein so genanntes Judenhaus. Im Januar 1943 wurde die Stiftung aufgehoben. Ignaz, Betty, Abraham, Sara und Leopold Schwarzschild wurden von der Bogenstraße 22 nach Riga-Jungfernhof deportiert. Dieses Lager war ein Arbeitskräftereservoir für Salaspils, ein neu zu errichtendes Lager, in dem eigentlich einheimische Juden aus der Umgebung Rigas konzentriert werden sollten, was jedoch nicht geschah. Dieses Lager, Baracken und Wachtürme, mussten die Häftlinge bei mangelnder Ernährung ohne geeignete Kleidung mit bloßen Händen aufbauen. Viele, wie Ignaz und Leopold Schwarzschild, fanden dabei den Tod.
Von Ignaz Schwarzschilds vier Kindern überlebte nur der Sohn Salomon (Schlomo), weil er Ende 1939 im Alter von 14 Jahren allein nach Palästina auswanderte. Schlomo war in Blankenese auf Hachschara. In dieser Zeit hat er auch an Karl-Heinz Silberberg (s. Familie Heynemann), den er vermutlich aus der Schule kannte und der schon emigriert war, in einem Gemeinschaftsbrief mehrerer Klassenkameraden einen Gruß nach Montevideo geschickt. Schlomo Schwarzschild starb in der Nacht vom 16. zum 17. August 2009 nach längerer schwerer Krankheit in Haifa (Israel).
Ignaz und Kela Schwarzschild, ihre neuen Ehepartner und die Kinder aus Ignaz’ zweiter Ehe wurden deportiert und ermordet. Für Kela Bundheim, ihren Mann Max Bundheim und Kelas Stieftochter Paula Bundheim liegen Stolpersteine in der Brahmsallee 19. Für Abraham, Betty und Sara Schwarzschild liegen Stolpersteine in der Bornstraße 22.
Kelas jüngerer Bruder Isaak emigrierte nach Palästina. Die Schwester Matel war in Emden mit dem polnischen Juden Salomon Igla verheiratet. Sie wurde mit ihren fünf Kindern nach Lodz deportiert, während ihr Ehemann in Amerika weilte, um die Auswanderung vorzubereiten. In Chelmno wurde sie ermordet. Die zweite Ehefrau von Selig Bamberger emigrierte über Dänemark nach Schweden und lebte später in Israel. Auch die Kinder aus der zweiten Ehe überlebten. In den Akten der Talmud Tora Schule findet sich ein Eintrag, nach dem Lea Bamberger die Schule zum 31. März 1936 verlassen hat, möglicherweise der Auswanderungstermin. Selig Bamberger starb am 9.8.1936 in Hamburg an einem Herzleiden. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Langenfelde begraben. 1989 wurden seine sterblichen Überreste nach Israel überführt, wie er es sich zu Lebzeiten gewünscht hatte.