Lydia Wolff
* 1878
HIER WOHNTE
LYDIA WOLFF
GEB. LYCHENHEIM
JG. 1878
FREITOD
18.7.1942
Isestraße 69
Weitere Stolpersteine in Isestraße 69: Ernst Maren | Michael Frankenthal | Bertha Brach | Henriette Leuschner | Rosalie Blum | Henry Blum | Selma Satz | Liesel Abrahamsohn | Gertrud Böhm | Lydia Wolff |
Michael Frankenthal, geb. 1.9.1866 in Lübeck, deportiert 15.7.1942 nach Theresienstadt, dort verstorben 4.11.1942
Bertha Brach, geb. Kleve, geboren am 18.10.1878 in Lübeck, am 11.7.1942 deportiert nach Auschwitz
Henriette Leuschner, geb. Blum, geb. am 16.5.1859 in Hamburg, nach Theresienstadt deportiert am 15.7.1942, weiterdeportiert nach Treblinka am 29.9.1942
Henriette Leuschner, geb. Blum, geb. am 16.5.1859 in Hamburg, nach Theresienstadt deportiert am 15.7.1942, weiterdeportiert nach Treblinka am 29.9.1942
Henriette Leuschner, geb. Blum, geb. am 16.5.1859 in Hamburg, nach Theresienstadt deportiert am 15.7.1942, weiterdeportiert nach Treblinka am 29.9.1942
Günther Satz, geb. 13.3.1923 in Hamburg, deportiert am 8.11.41 nach Minsk
Josephine Rosenbaum, geb. Beit, adoptierte Elbe, geb. am 17.12.1877, am 6.12.1941 nach Riga deportiert
Louis Böhm, geb. 19.8.1863 in Groß-Dombrowska, Posen, deportiert am 18.11.1941 nach Minsk
Lydia Wolff, geb. Lychenheim, geb. 5.10.1878 in Richtenberg, Freitod am 14.7.1942
Isestraße 69
Lydia Wolff, geb. Lychenheim, geb. 5.10.1878 in Richtenberg, Freitod am 14.7.1942
Dr. Gottfried Wolff, geb. 18.10.1870 in Lübtheen, Freitod am 14.7.1942
Isestraße 69
Gottfried Wolff stammte aus einer alten Mecklenburger Kaufmannsfamilie. Er wurde in Lübtheen geboren und hatte neun Brüder und eine Schwester. Er hatte sich aus der jüdischen Tradition gelöst und war in die Evangelische Kirche eingetreten. Seine Kinder und Enkel wurden evangelisch getauft und konfirmiert. Es sollte sich zeigen, dass dieser Schritt die Familie nicht davor bewahrte, von den Nationalsozialisten als Juden behandelt zu werden.
Gottfried Wolff studierte Jura und ließ sich als Rechtsanwalt und Notar in Parchim nieder. Seit 1901 war er am Landgericht Schwerin zugelassen. 1913 erwarb er das Grundstück und das Haus Blutstraße 8, in dem er die Wohnung für die Familie und seine Kanzlei einrichtete.
Die Wolffs hatten drei Kinder. Annemarie, geboren 1905, nahm sich später das Leben, und Käthe, (später verheiratete Freise), geboren 1909, kam wie ihre Eltern in der Schoah ums Leben. Der Sohn Hans, geboren 1907, war als erster in der Familie von der nationalsozialistischen Verfolgung betroffen. Er wurde im Februar 1933 in Hamburg verhaftet. Seine Tätigkeit im Sozialistischen Studentenbund und in der SPD wurden ihm zur Last gelegt. Er kam zuerst in das KZ Fuhlsbüttel und wurde von dort in das KZ Oranienburg (später Sachsenhausen) gebracht. Am 15. September 1934, einen Tag vor seinem 26. Geburtstag, kam er nach eineinhalb Jahren Haft frei. Später wanderte er nach Südamerika (Venezuela) aus.
Gottfried Wolff konnte nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten noch weiter in seiner gut gehenden Praxis in Parchim tätig sein. 1935 jedoch wurde ihm die Zulassung als Notar entzogen. Bis 1938 konnte er noch als Anwalt arbeiten. Danach durften jüdische Rechtsanwälte als "Konsulenten" nur noch jüdische Klienten juristisch vertreten und beraten.
In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde seine Kanzlei zertrümmert, Bücher und Akten auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Auch die Wohnung wurde verwüstet. Alle 15 jüdischen Einwohner Parchims wurden am 10. November in "Schutzhaft" genommen. Helmut Wolff, der damals fast fünfjährige Enkel Gottfried Wolffs, erinnert sich im Jahr 2020: "Nach der Zerstörung unseres Hauses…landeten meine Großeltern, meine Mutter und ich in irgendeinem Gebäude in einem Raum mit einer Durchgabeklappe z.B. für Essen und einem sehr kleinen, vergitterten Fenster." Sie wurden wahrscheinlich in den Zellen des Stadtpolizeiamtes oder des Amtsgerichtsgefängnisses eingesperrt. Die Frauen und Kinder dürften spätestens am nächsten Morgen freigelassen worden sein. Die fünf inhaftierten Männer wurden am 11. November in das Gefängnis Altstrelitz abtransportiert. Gottfried Wolff wurde dort bis zum 17. November festgehalten.
Im Dezember 1938 musste Gottfried Wolff das Haus und das Grundstück zwangsweise verkaufen, behielt aber das Wohnrecht noch bis zum 31. Dezember 1939. Der Weg führte 1938 nach Hamburg. Die Wolffs hofften, in der Anonymität der Großstadt der Verfolgung weniger ausgesetzt zu sein als in Parchim. Und sie hatten den Wunsch auszuwandern. In der Hansestadt verhandelte Gottfried Wolff vergeblich mit den britischen und irischen Konsulaten über eine mögliche Ausreise dorthin. Auch der Wunsch in die USA zu gehen, wo ein Bruder Lydias lebte, ging nicht in Erfüllung.
Eine wichtige Verbindung nach Hamburg lief offenbar über die Tochter Annemarie. Deren beste Freundin war die Schauspielerin Ilse Alexander, geborene Brach. Die beiden Frauen waren in Mecklenburg teilweise gemeinsam aufgetreten. Ilses Mutter, Bertha Brach, wohnte bei Ihrer Schwester Selma Satz in der Isestraße 69. Auch ihr Onkel Michael Frankenthal lebte seit dem Tod seiner Frau dort.
Selma Satz (siehe www.stolpersteine-hamburg.de) war verwitwet, ihre beiden Söhne lebten 1939 nicht mehr mit in der Wohnung. Werner war im Dezember 1938 in die USA ausgewandert. Sein jüngerer Bruder Günther Satz (siehe www.stolpersteine-hamburg.de) besuchte die jüdische Gartenbauschule in Ahlem. Da bot es sich für Selma Satz an, einen Teil der großen Wohnung unterzuvermieten, um damit das Einkommen zu verbessern. Der Zugang zu ihrem Vermögen war nämlich, wie für alle vermögenden Juden, gesperrt und sie durfte pro Monat nur eine bestimmte Summe zur Sicherung des täglichen Bedarfs abheben.
Im Jahr 1939 kamen Lydia und Gottfried Wolff zunächst dreimal zu Selma Satz als Hausgäste zu Besuch, und es entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis, zu Pfingsten 1939 luden die Wolffs Selma Satz zu sich nach Parchim ein, was sie nicht wahrnahm. Am 26. Juli 1939 schrieb sie an ihren Sohn: "Familie Wolff sind auf einige Wochen wieder zu Besuch bei mir, ich freue mich immer mal wieder mit den Leuten zusammen sein zu können…"
Zum 31. Dezember 1939 meldete sich Gottfried Wolff in Parchim ab und kam Anfang Januar 1940 mit seiner Frau endgültig nach Hamburg und zog offiziell als Untermieter bei Selma Satz in der Isestraße 69 ein. Am 25. Januar folgte Annemarie Wolff mit ihrem 1933 geborenen Sohn Helmut. Sein Vater, ein nichtjüdischer Anwalt und Korvettenkapitän, den Annemarie Wolff Anfang der 1930er Jahre kennen gelernt hatte, hatte sich geweigert, zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft eine Jüdin zu heiraten.
Die Familie konnte die beiden großen vorderen Zimmer und das Mädchenzimmer in Selma Satz‘ Wohnung beziehen. 1940 hielt sich für kurze Zeit auch die zweite Tochter der Wolffs, Käthe Freise, die in Thüringen lebte, in der Isestraße 69 auf.
In den Briefen der Selma Satz wird Annemaries Freundin Ilse Alexander häufig erwähnt: Sie schickte Geschenke an Enkel Helmut und besuchte die Familie in der Isestraße. Für Helmut war sie eine Tante. Sie war seit 1928 mit dem Schauspieler Georg Alexander verheiratet, der jetzt zur nationalsozialistischen Elite der Filmwelt gehörte. Durch diese Mischehe war Ilse geschützt.
Am 11. September 1940 kehrte Selmas Sohn Günther Satz in die Isestraße zurück. Er hatte die Schule in Ahlem verlassen müssen. Nun wurde es eng in der großen Wohnung. Das Verhältnis der beiden Familien zueinander blieb gut, auch wenn die Wolffs sich jetzt häufiger in ihren eigenen Wohnungsteil zurückzogen. Schon am 18. Oktober 1939 hatte Gottfried Wolff an seinem Geburtstag seine Vermieter zu einem gemütlichen Teenachmittag eingeladen. Ein Jahr später lud er zu seinem 70. Geburtstag auf ein Glas Wein zum Umtrunk ein.
Er war oft mit Michael Frankenthal und den Brüdern Hermann und Moritz Dugowski (siehe www.stolpersteine-hamburg.de) aus der Isestraße 61 beisammen, gemeinsames Kartenspiel wird in den Briefen häufig erwähnt. Hermann Dugowski, schon seit 1910 verwitwet, war mit einer Schwester von Selma Satz und Bertha Brach verheiratet gewesen.
Auch zur Feier zu Michael Frankenthals 75. Geburtstag am 1. September 1941 waren die Wolffs eingeladen. Dort begegneten sie auch dem Rabbiner Carlebach (siehe www.stolpersteine-hamburg.de) und dem Nachbarn Henry Chassel (siehe www.stolpersteine-hamburg.de), der unter vielen anderen Ämtern bis 1939 als Vorsitzender der Neuen Dammtor Synagoge gewirkt hatte.
Am 8. November 1941 musste die Wohngemeinschaft einen ersten schweren Schicksalsschlag verkraften. Günther Satz wurde nach Minsk deportiert. Seine Mutter, die auch auf der Deportationsliste stand, wurde zurückgestellt.
Im Februar 1942 musste die Wohnung in der Isestraße geräumt werden und die Bewohner in das Martin-Brunn-Stift, ein "Judenhaus", in der Frickestraße 24 übersiedeln. Am 11. Juli 1942 wurden die Schwestern Selma Satz und Bertha Brach von dort direkt nach Auschwitz deportiert. Am 15. Juli 1942 wurde Michael Frankenthal nach Theresienstadt deportiert, wo er am 4. November 1942 starb. (An beide erinnern Stolpersteine in der Isestr. 69)
Am Abend des 18. Juli 1942 um 18 Uhr 30 wurde Gottfried Wolff auf Höhe des Altonaer Wasserwerks in Blankenese in der Elbe entdeckt. Eine Stunde später barg die Wasserschutzpolizei Lydia Wolff nicht weit entfernt davon querab vom Falkensteiner Ufer. Beide waren vier Tage zuvor voll bekleidet gemeinsam bei Rissen in die Elbe gegangen. Ein Postkraftfahrer hatte am 14. Juli am Strand ihre Papiere mit den Deportationsbefehlen gefunden. Damit hatten sie ein Zeichen gesetzt. Sie schieden aus eigenem Entschluss aus dem Leben, um nicht in das ungewisse Leiden in Theresienstadt geschickt zu werden.
Gottfried und Lydia Wolff wurden in das Hafenkrankenhaus gebracht, die Körper gründlich untersucht und alles, was sie bei sich trugen, genau aufgelistet. Der Verwalter des Martin-Brunn-Stiftes identifizierte sie. Er erklärte der Polizei, sie hätten das Stift am 14. Juli früh verlassen. Sie seien niedergeschlagen gewesen, weil sie den "Evakuierungsbefehl", wie der Deportationsbefehl beschönigend genannt wurde, erhalten hätten. Sie wurden vom Hafenkrankenhaus zum Jüdischen Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf gebracht und dort beigesetzt. Es spielte für die nationalsozialistischen Behörden keine Rolle, dass sie Christen waren.
Ihre Tochter Annemarie, zuletzt Anna Maria genannt, heiratete am 10. Juni 1942 in Hamburg Robert Donald Kugelmann und zog zu ihm in die Villa seiner Familie am Alsterkamp, wo sie schon vorher als Hausangestellte gemeldet war. Am 19. Juli 1942 wurden Anna Maria und Robert Kugelmann (siehe www.stolpersteine-hamburg.de) tot in ihrem Haus aufgefunden, auch sie hatten einen Deportationsbefehl nach Theresienstadt erhalten und sich das Leben genommen.
Ihren Sohn Helmut hatte Anne Maria Kugelmanns Freundin Ilse Alexander ein paar Tage vorher in Sicherheit gebracht. Sie nahm ihn mit nach Berlin, dann vermittelte sie ihn nach Hamburg, wo er in mehreren Pflegefamilien aufwuchs, ohne dass er von seiner jüdischen Herkunft wusste.
Ihre eigene Mutter, Bertha Brach, hatte Ilse Alexander nicht retten können. So weit reichte offenbar die Protektion nicht, die sie durch ihren berühmten Gatten genoss.
Auch die Tochter Käthe Freise überlebte die Schoah nicht (siehe zu ihrem Schicksal den Angehörigentext).
Gottfried und Lydia Wolffs drei Enkel, Eberhard Freise, Helmut Wolff und Jorge Wolff, Sohn von Hans in Venezuela, haben ihre Großeltern überlebt. Sie hatten nach 1945 keinen Kontakt miteinander. Nach der deutschen Wiedervereinigung im Jahre 1990 erbten sie gemeinsam das Haus der Großeltern in Parchim. Helmut lebte in Hamburg, Eberhard in Weimar, zeitweilig in Portugal, und Jorge in Uruguay. Die zuständigen Rechtsanwälte stellten den Kontakt her. Jorge, dessen Vater 1953 gestorben war, schrieb: "Hoffentlich wird dieser Briefwechsel [wegen der Erbschaft] zum Beginn eines fortgesetzten Nachrichtenaustauschs, welcher nicht lediglich materielle Notwendigkeiten zum Gegenstand hat, sondern von dem Wunsch getragen wird, uns gegenseitig näher kennenzulernen."
In Lübtheen, dem Geburtsort seines Großvaters ließ Helmut Wolff vor dessen Elternhaus einen zweiten Stolperstein für Gottfried Wolff setzen. Ein weiterer Stolperstein für Gottfried Wolff wurde vor dem Haus in der Blutstraße 8 in Parchim verlegt.
Außer Gottfried Wolff waren drei seiner Geschwister in der Schoah ums Leben gekommen. Einer der Brüder war der Großvater des früheren Hamburger Bürgermeisters Ole von Beust.
Auch vier Brüder von Lydia Wolff überlebten nicht, lediglich ihr Bruder Max hatte auswandern können, er starb 1959 in den USA.
Die Stolpersteine zur Erinnerung an Lydia und Gottfried Wolff waren zunächst irrtümlich in der Isestraße vor dem Haus Nr. 65 verlegt worden. Sie wurden vor das Haus Nr. 69 versetzt.