Moritz Nordheim
* 1873
HIER WOHNTE
MORITZ NORDHEIM
JG. 1873
FREITOD 18.8.1938
Maria-Louisen-Straße 2
Weitere Stolpersteine in Maria-Louisen-Straße 2: Edmund Louis Wiener | Walther Henry Specht | Herbert Gustav Specht | Moritz Nordheim | Clara Nordheim |
Walther Specht, geb. 26.6.1884 in Hamburg, deportiert 1943 aus dem Lager Drancy in die Vernichtungslager Maidanek und Sobibor, ermordet 7.3.1943
Herbert Specht, geb. 3.9.1923 in Hamburg, deportiert 31.8.1943 vom Lager Westerbork nach Auschwitz
Dr. Moritz Nordheim, geb. 1.2.1873 in Kassel, Suizid am 18.8.1938 in Hamburg
Dr. Moritz Nordheim, geb. 1.2.1873 in Kassel, Suizid am 18.8.1938 in Hamburg
Maria-Louisen-Straße 2
Dr. Moritz Nordheim, geb. 1.2.1873 in Kassel, Suizid am 18.8.1938 in Hamburg
Clara Nordheim, geb. Steer, geb. 2.2.1891 in Dassow, Suizid am 19.8.1938 in
Hamburg
Moritz Nordheim war Kinderarzt. Die ursprünglich jüdische Familie stammte aus Unterfranken, ein Vorfahr, Marcus Nordheim (1812–1899) erhielt bereits 1849 das Hamburger Bürgerrecht. Marcus Nordheim hatte durch den Handel mit Häuten und Fellen ein großes Vermögen erworben, das er zu großen Teilen für wohltätige Zwecke stiftete. So finanzierte er unter anderem den Bau der Israelitischen Töchterschule an der Hamburger Karolinenstraße und nach seinem Tod wurde aus seinem Vermächtnis die Nordheim-Stiftung ins Leben gerufen, die 1903 in Sahlenburg an der Nordsee das heute noch existierende Seehospital, ursprünglich ein Erholungsheim für Kinder, gründete.
Moritz Nordheim hatte zwei Brüder, die ebenfalls in Hamburg lebten. Gemeinsam mit seiner Frau Anna, geb. Tandler, hatte er vier Kinder: Saskia, Lothar, Maria und Gisela (letztere geb. 1911). 1925 heiratete er in zweiter Ehe Clara, geb. Steer, mit ihr hatte er keine Kinder.
Im Jahr 1912 wurde Moritz Nordheim im Hamburger Fernsprechbuch als "Dirig. Arzt d. Hamburger Säuglingsheims, Spez. Arzt f. Kinder, Hochallee 111" verzeichnet. Seine Praxis befand sich im Haus Esplanade 40. Ab 1920 hat er laut Fernsprechbuch in der Isestraße 117 gewohnt, ab 1932 lautete die Adresse Maria-Louisen-Straße 2. Er war auch im Vorstand der Nordheim-Stiftung tätig. Er genoss hohes Ansehen und war Mitglied der Patriotischen Gesellschaft, bis diese ihn 1935 wegen seiner jüdischen Herkunft ausschloss. Moritz Nordheim war zwar Protestant, galt aber, wie seine Brüder, als „Volljude“. Die beiden Brüder gingen bereits 1933 nach Paris ins Exil. Der ältere, Robert, berichtete später, dass der jüngere Bruder dort 1942 „im Elend“ gestorben sein. Robert Nordheim war mit seiner Frau und den zwei jüngeren Kindern nach Paris gegangen, während der älteste Sohn, Günther, in Hamburg noch seine Sparkassen-Lehre abschließen konnte. Er blieb auch danach in der Stadt, und konnte bis 1939 noch bei jüdischen Arbeitgebern arbeiten. Mit Moritz Nordheim und seiner Frau scheint er bis zu deren Tod in Kontakt geblieben zu sein. Nach der Schließung der letzten „jüdischen“ Firmen bekam er keine seiner Qualifikation entsprechende Arbeit mehr, musste 1944–45 Zwangsarbeit leisten und war auch kurzzeitig wegen „staatsfeindlicher Reden“ im KZ Fuhlsbüttel inhaftiert.
Zum 30. September 1938 wurde jüdischen Ärzten die Approbation entzogen, nur wenige durften mit Genehmigung noch als "Krankenbehandler" jüdische Patienten versorgen. Moritz Nordheim musste gewärtigen, zusätzlich zu den bereits zugefügten Demütigungen auch seine wirtschaftliche Existenz zu verlieren. Am 18. August 1938 spritzte er seiner Frau und sich selbst eine tödliche Dosis Morphium. Seine Frau starb erst am darauffolgenden Tag.
Überarbeitet und ergänzt am 10.12.2012