Etkar Josef André
* 1894
HIER WOHNTE
ETKAR JOSEF ANDRÉ
JG. 1894
VERHAFTET 5.3.1933
„VORBEREITUNG ZUM
HOCHVERRAT“
HINGERICHTET 4.11.1936
HAMBURG
Adlerstraße 12
Weitere Stolpersteine in Adlerstraße 12: Etkar Josef André
Etkar Josef André, geb. am 17.1.1894 in Aachen, hingerichtet am 4.11.1936 in Hamburg
© Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg
Adlerstraße 12
Etkar Josef André, geb. am 17.1.1894 in Aachen, hingerichtet am 4.11.1936 in Hamburg
Adlerstraße 12
Etkar Josef André kam am 17. Januar 1894 in der Aachener Friedrichstraße 73 zur Welt. Sein Vater Bernhard André war Kaufmann und gehörte laut Geburtsurkunde zur jüdischen Glaubensgemeinschaft, Mutter Sofie, geb. Koch, war der Religion ebenfalls beigetreten. Etkar wuchs mit einem Bruder auf. Bereits 1899 starb der Vater an Lungentuberkulose, worauf die Mutter mit den Söhnen zu Verwandten nach Lüttich, Belgien, zog. Da sie selbst auch tuberkulös war, wurden die Kinder wegen der Ansteckungsgefahr mehrere Jahre in einem Waisenhaus untergebracht. Etkar André nahm nach dem Schulabschluss eine kaufmännische Ausbildung auf, die ihm nicht lag, er absolvierte dann eine Lehre im Schlosserhandwerk.
Seit 1911 war er als Mitglied der Sozialistischen Partei Belgiens aktiv, später als Sekretär der Sozialistischen Arbeiterjugend in Brüssel. Da er die deutsche Staatsbürgerschaft behalten hatte, meldete er sich 1914 im Rheinland als Kriegsfreiwilliger, wenn auch zu Beginn nur mit geringen deutschen Sprachkenntnissen. Als Soldat im Inf.-Res.-Regiment 236 Köln-Deutz nahm er an den Kämpfen an der Flandernfront teil, geriet 1918 in französische Kriegsgefangenschaft und wurde 1920 entlassen. Seine freiwillige Kriegsteilnahme hat er später bedauert. Zunächst hielt er sich dann ab 1920 in Koblenz auf, wo er sich der Sozialistischen Arbeiterjugend und der SPD anschloss. Auf der Suche nach Arbeit gelangte er 1922 nach Hamburg und war als Schauermann im Hafen beschäftigt, zeitweilig auch als Bauarbeiter. Er wurde Mitglied im Deutschen Bauarbeiter-, später im Deutschen Transportarbeiterverband. Ein Schwerpunkt seiner Partei- und Verbandsarbeit bestand darin, sich um die Belange der Arbeitslosen zu kümmern, immer mehr haderte er aber mit der Politik der SPD und trat Anfang 1923 der in seinen Augen politisch konsequenteren KPD bei.
Schon bald gehörte er zum engeren Kreis um Ernst Thälmann, seine offene, kameradschaftliche Art, seine Hilfsbereitschaft und sein soziales Engagement machten ihn sehr beliebt, für jeden hatte er ein Ohr. Auch jetzt setzte er sich weiter stark für die Interessen der Arbeitslosen und ihrer Familien ein, deren materielle Not ihn erschütterte. Bis 1925 war Etkar André Führer der Erwerbslosenbewegung in Hamburg. 1924 gehörte er zu den Gründern des Roten Frontkämpferbundes Wasserkante – Ernst Thälmann bezeichnete den RFB als „antifaschistische Schutz- und Wehrorganisation des Proletariats“ –, und war deren Leiter, außerdem Mitglied der 1925 in Hamburg gegründeten Roten Marine. Ähnlich wie Betriebsgruppen des RFB in den Fabriken sollten in ihrem Namen Bordgruppen unter den Besatzungen aller See- und Handelsschiffe entstehen, bei gegenseitiger Hilfe und Unterstützung der Angehörigen. RFB und Rote Marine unterstützen u.a. den Kampf der KPD gegen den Neubau von Panzerkreuzern der Reichsmarine oder übernahmen die Sicherung von Wahllokalen und Veranstaltungen, beide wurden 1929 verboten. Ihre Mitglieder blieben auch in der Illegalität überwiegend aktiv, André für die Nachfolgeorganisation „Kampfkomitee gegen das RFB-Verbot“.
Als politischer Leiter des KPD-Gaues Wasserkante erhielt er ein kleines Salär von monatlich 100,– RM. Für die Internationale der Seeleute und Hafenarbeiter übernahm er, geschult in der Reichsparteischule der KPD, Aufgaben als Instrukteur und Propagandist, was aufgrund seiner Französischkenntnisse auch mit Reisen nach Belgien und Frankreich verbunden war. André war mehr Aktivist als Parteifunktionär, er sah sich als „Mann von der Straße“, begegnete seinen Mitmenschen in Augenhöhe und mit Respekt, gleichzeitig galt er als umsichtig, kühn und entschlossen, packte mit an, wo es erforderlich war und blieb immer fair. Dafür wurde er geschätzt. Innerhalb des Parteiapparats war seine Rolle nicht herausragend, er gehörte weder dem Zentralkomitee noch dem Politbüro an, nahm weder an programmatischen Auseinandersetzungen teil noch an innerparteilichen Flügelkämpfen.
Andrés Lebensgefährtin Martha Berg, geb. Schmidt, betätigte sich aktiv in der KPD-Frauengruppe, sie lernten sich kennen als Parteigenossen, ab 1926 entwickelte sich eine Beziehung, obwohl Marthas Ehe noch nicht geschieden war. Daraus wurde der Vorwurf Ehebruch abgeleitet, der einer späteren Legalisierung der Beziehung im Wege stand und eine Heiratsgenehmigung verhinderte. Die beiden zogen 1928 von der Grindelallee nach Barmbek in die Adlerstraße 12, wo sie bis 1933 wohnten. Hauptmieterin der Wohnung und im Hamburger Adressbuch eingetragen war Frau Berg, Martha.
Als Abgeordneter der KPD wurde André 1928 in die Hamburger Bürgerschaft gewählt, 1931 ein weiteres Mal, diesmal als Mitglied der Stadtvertretung Cuxhaven, bis 1937 zu Hamburg gehörend, wo er vorübergehend einen Zweitwohnsitz in der Poststraße 8 (bei Wesel) führte. Andrés Name war inzwischen nicht nur innerhalb der KPD und der Arbeiterbewegung ein Begriff, sondern auch allen Gegnern der kommunistischen Partei. Der RFB war in diverse Straßenkämpfe verwickelt, Konfrontationen gab es sowohl mit SA-Angehörigen als auch mit der Polizei und den SPD-nahen Reichsbannergruppen. Gegenseitige Provokationen und Racheaktionen zwischen NSDAP/SA und KPD/RFB hatten Verletzte und Tote zur Folge, vereinzelt gab es Schusswechsel. Etkar André als einem der bekanntesten und charismatischsten Arbeiterführer in Hamburg wurde Verantwortung und Rädelsführerschaft für nahezu alle KPD-Aktionen unterstellt.
Im März 1931 kam es zu einem Anschlag, der wahrscheinlich ihm gelten sollte, dem aber sein Parteifreund Ernst Henning zum Opfer fiel. Henning war ebenfalls Bürgerschaftsabgeordneter, er wohnte in Bergedorf und hatte in den Vierlanden an einer Parteiveranstaltung teilgenommen. Auf der Rückfahrt in einem gut besetzten Nachtbus wurde er nach der Frage „sind Sie André?“ trotz Richtigstellung von SA-Männern erschossen, weitere Fahrgäste erlitten teils schwere Schusswunden. Die Täter flüchteten anschließend, stellten sich aber später der Polizei bzw. wurden verhaftet und angeklagt. Der Tat vorausgegangen war einige Monate zuvor die Sprengung einer NSDAP-Versammlung in Geesthacht durch Kommunisten, es war zu schweren Kämpfen gekommen, bei der zwei SA-Leute getötet wurden. Ob André etwas damit zu tun hatte, ist nicht erwiesen, der Hass auf ihn hatte sich allerdings weiter vergrößert. An der Trauerfeier für Ernst Henning nahm Etkar André jedenfalls teil, das belegen Aussagen und Fotos.
Es war eine Großveranstaltung mit geschätzten 35000 Teilnehmern. Der Trauerzug begann in der Jarrestraße vor einer damals dort befindlichen Leichenhalle. Hinter dem von berittenen Schutzleuten begleiteten Leichenwagen gingen dreißig Angehörige des Rotfrontkämpferbundes mit erhobener Faust, Etkar André an der Spitze. Ihnen folgten 120 Kranzträger und 150 Fahnen und Standarten kommunistischer Gruppen aus Hamburg und dem Reichsgebiet, anschließend die vielen Trauergäste, überwiegend schwarz gekleidet, mit Musik- und Schalmeienkapellen, es ertönten Kampflieder und Sprechchöre. Der Vorbeimarsch des Zuges zur Krematoriumshalle in Ohlsdorf dauerte über eine Stunde. An der Gedenkfeier nahmen neben Familienmitgliedern auch der Bürgerschaftspräsident und der Vizepräsident teil, während Ernst Thälmann die Gedenkrede hielt. Der größere Teil des Trauerzuges musste im Freien bleiben und demonstrierte Geschlossenheit. Auf dem Rückweg löste sich die Versammlung zunächst auf, doch kleinere Gruppen in der Fuhlsbüttler Straße sammelten sich wieder, man entrollte die Fahnen, marschierte in breiter Front zum Barmbeker Bahnhof. Von André wird später behauptet, er habe die Führung übernommen. Die Menge steigerte sich in Sprechchöre hinein, bis es kurz vor den Bahnhofsbrücken zur Eskalation kam. Von der Baustelle eines Neubaus wurden Bretter und Steine geholt, eine Barrikade gebaut, die Straßenbahn gestoppt, es erscholl die „Internationale“.
Zwanzig den Zug begleitende Polizisten fühlten sich immer stärker bedrängt, bis einige von ihnen die Waffen zogen und Warnschüsse, schließlich Schüsse in die Menge abgaben. Ein unbeteiligter 20-Jähriger erlag einem Kopfschuss, er war sofort tot, was den Aufruhr weiter anheizte. Eingetroffene Polizeiverstärkung und Demonstranten bekämpften sich stundenlang, bis zum Barmbeker Markt zogen sich die Kämpfe hin, auf beiden Seiten gab es viele Verletzte.
Der Prozess gegen die drei 20- bis 25-jährigen Henning-Attentäter, von einem NSDAP-Funktionär zur Tat angestiftet aber laut Parteierklärung angeblich keine Mitglieder, fand im November 1931 statt. Sie erhielten Zuchthausstrafen von je 6 bzw. 7 Jahren, verbüßten die Strafen bis zum 9. März 1933 und gelangten aufgrund der Hindenburg-Amnestie in die Freiheit.
Wenige Tage zuvor, am 5. März 1933, war Etkar André verhaftet worden. Bereits seit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 galt André als höchst gefährdet, ihm wurde von Freunden nahegelegt, Deutschland zu verlassen, doch er lehnte ab. Am 1. März zogen er und Martha von der Adlerstraße in die Zeughausstraße 4. Er beteiligte sich noch am Wahlkampf für die Reichstagswahlen am 5. März in Cuxhaven, hielt dort am 4. März eine Rede. Tags darauf fuhr er mit dem Zug zurück nach Hamburg, wo durch die Gestapo unter Missachtung der Abgeordnetenimmunität seine Festnahme erfolgte. Die Anklage gegen ihn lautete auf Vorbereitung zum Hochverrat in Tateinheit mit gemeinschaftlichem, vollendetem Mord im Fall des SA-Truppenführers Dreckmann im September 1932 und versuchtem Mord in sieben Fällen bei dem schon beschriebenen Vorfall in Geesthacht im Januar 1931.
Auf ihn wartete eine dreieinhalbjährige Einzelhaft im Untersuchungsgefängnis, Zelle 122, er war laut Strafakte „streng getrennt zu halten von allen wegen Hochverrats inhaftierten Personen“. Man fürchtete offenbar seinen möglichen Einfluss auf Mithäftlinge. Um die Isolation ertragen zu können, stellte er Anträge, Zeitungen halten und Bücher ausleihen zu dürfen, gern löste er Kreuzworträtsel und Schachaufgaben und bat um entsprechende Zeitungen, einen Bleistift, auch mal ein Dominospiel. Ein Antrag auf das Tragen eigener Wäsche wurde genehmigt. Martha Berg als Verlobte besuchte ihn regelmäßig, so oft sie durfte: zweimal monatlich eine halbe Stunde. Sonst kamen nur der Staatsanwalt und sein Verteidiger Dr. Grisebach; andere Angehörige lebten nicht in Deutschland und Freunde hatten kein Besuchsrecht. Mit seinem als Zahnarzt in Belgien lebenden Bruder hielt er Briefkontakt. Von Anfang 1935 gibt es den Hinweis, die Braut wolle ein Aufgebot bestellen, Etkar beantragte die nötigen Papiere, eine Trauung ist in den Gefängnisakten nicht festgehalten.
Die Haft war begleitet von Misshandlungen und brutalsten Folterungen. Zeitweilig konnte Etkar André sich nur mit Hilfe von Krücken fortbewegen. Als er wegen schwerer Verletzungen nicht mehr liegen konnte, wurde ein Wasserbett organisiert, damit er bis zum nächsten Verhör und neuen Misshandlungen wiederhergestellt sein würde. Kopfverletzungen führten zeitweilig zum Verlust des Gehörs. Die Folterungen sprechen dafür, dass er für die Anklage brauchbare Aussagen verweigerte, keine Freunde, Genossen, Parteinterna verriet, sich nicht von seiner Weltanschauung zu distanzieren bereit war. Er stand zu seinen Überzeugungen und stellte das nationalsozialistische System und damit seine Ankläger in Frage.
Der Prozess nach drei Jahren gehörte zu den größten politischen Schauprozessen seiner Zeit, er begann am 4. Mai 1936, zog sich über 32 Verhandlungstage hin bis zur Urteilsverkündung am 10. Juli 1936. Aufgrund der am 1. August in Berlin eröffneten Olympiade hielten sich viele ausländische Journalisten in Deutschland auf, von denen einige gespannt den Prozessverlauf verfolgten. Am 7. Mai wurde auch Martha Berg verhaftet, einen Tag vor ihrer Vorladung als Zeugin. Befürchtete man ihretwegen Unruhen? Sie kam später wieder frei.
Die Staatsanwaltschaft konnte nur unzureichende Beweismittel für Andrés Schuld vorweisen, annähernd 100 Zeugen traten auf, überwiegend NSDAP/SA-Mitglieder. Zeugen aus dem Zuchthaus Fuhlsbüttel, die selbst Gefangene und bereit waren, gegen André auszusagen, wurden später von Mitgefangenen geschnitten oder so deutlich drangsaliert, dass die Leitung sich zu Umverlegungen in andere Zuchthäuser entschloss. Die Anklage blieb schwach, trotzdem plädierte der Staatsanwalt auf Todesstrafe. Etkars Verteidigungsrede war gleichzeitig Anklage des NS-Regimes, er äußerte u.a.: „Ihre Ehre ist nicht meine Ehre. Denn uns trennen Weltanschauungen, uns trennen Klassen, uns trennt eine tiefe Kluft. Sollten Sie hier das Unmögliche möglich machen und einen unschuldigen Kämpfer zum Richtblock bringen, so bin ich bereit, diesen schweren Gang zu gehen. Ich will keine Gnade! Als Kämpfer habe ich gelebt und als Kämpfer werde ich sterben mit den letzten Worten: Es lebe der Kommunismus!“
Das Gericht unter dem Vorsitz des Richters Otto Roth, der schon im Jahr zuvor das Todesurteil über den Kommunisten Friedrich (Fiete) Schulze gesprochen hatte, folgte dem Antrag des Staatsanwalts und sprach das Urteil: Tod durch Enthauptung, Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte.
Etkar André beschloss, für sein Recht zu kämpfen. Einen Antrag auf Begnadigung lehnte er ab und schrieb in einem seiner letzten Briefe am 12. Juli an Martha: „Das Urteil ist unter allen Umständen ein Fehlurteil und deshalb ist es meine Aufgabe, die wenigen zur Verfügung stehenden Rechtsmittel zu nutzen. Ich spreche von Rechtsmitteln, nicht von Gnade. Ein Gnadengesuch werde ich nicht einreichen, weil ich nicht um Gnade bitten sondern mein Recht haben will.“ Er sah nur den Weg eines Wiederaufnahmeverfahrens, die Zeit eilte, er musste aber auf das schriftliche Urteil und die Akte warten, worüber Wochen vergingen, in denen auch kein Besuch zugelassen war. Schriftlich versuchte er Martha davon zu überzeugen, dass es ihm gut ginge, sogar „... ausgezeichnet, die Nerven sind intakt, mein Appetit hat nicht im geringsten gelitten ... und was den Schlaf anbelangt, so habe ich wahr und wahrhaftig nicht zu klagen ...“ Ein zum Tode Verurteilter, der seiner besorgten Partnerin nahe legte, sich nicht zu beunruhigen. Erst am 1. August durfte Martha ihn sehen, zuvor musste sie sich auf Waffen untersuchen lassen. Möglicherweise die letzte Begegnung des Paares, denn auch Martha war gefährdet und emigrierte kurz darauf nach Paris – vielleicht auf Anraten Etkar Andrés.
Am 19. August beantragte er Papier, um von der Staatsanwaltschaft die Genehmigung für einen Brief an den Reichskanzler zu erbitten. Der Generalstaatsanwalt äußerte keine Bedenken. Ob und wie der Brief geschrieben worden ist, ging aus vorliegenden Akten nicht hervor, allerdings teilte der Generalstaatsanwalt mit Schreiben vom 3. Oktober mit, „...dass André nach Anweisung des Herrn Reichsministers der Justiz bis zu dem Zeitpunkt, in dem eine Entschließung des Führers und Reichskanzlers zur Frage des Vollzugs des ergangenen Urteils vorliegt, nicht besser als ein Gefangener zu behandeln ist, der zu einer zeitigen Zuchthausstrafe verurteilt worden ist. Ich ersuche, dem André auch künftig das Schreiben von Briefen in diesem Umfang zu gestatten. Weiter ersuche ich, mir sämtliche Briefe zur Kontrolle vorzulegen“.
Für jedes Schriftstück war ein Antrag auf Papierblätter zu stellen, jedes verwendete Blatt nachzuweisen. Etkar André entwarf die Einleitung eines Wiederaufnahmeverfahrens, das sich auf die Punkte „1. Zu Unrecht erfolgte Verurteilung“ und „2. die sowohl während des Verfahrens sowie Verhandlungen vorgekommenen Rechtsverstöße“ konzentrieren sollte. Eine internationale Protestbewegung ging für die Wiederaufnahme des Verfahrens auf die Straßen, in Paris, Prag, Kopenhagen, Amsterdam und Stockholm gab es Demonstrationen.
Vergeblich. Wenn eine Antwort des „Führers“ eingegangen ist, war sie eindeutig. Am Nachmittag des 3. November erhielt Etkar André die Nachricht über den Termin seiner Hinrichtung am folgenden Morgen. Ein Mithäftling, der zufällig an diesem Tag für eine Reparaturarbeit in seine Zelle kam, gab später an, André habe keine Angst gezeigt und gesagt „Habt Vertrauen, es wird sich alles zu unseren Gunsten entwickeln.“ Die letzte Nacht verbrachte sein Anwalt Dr. Grisebach bei ihm, er schrieb letzte Briefe an seinen Bruder und an Martha. Dem Bruder teilte er mit, wie sehr er ihn liebte und ihm dankte für die gemeinsamen Zeiten, auch ihn wollte er beruhigen: „Jammern ist nicht mein Fall und darum werde ich bis zur letzten Sekunde gerade und ungebrochen stehen.“ Er wünschte sich eine Bestattung in Belgien bei den Angehörigen. Der schwere Brief an Martha Berg, geschrieben am frühen Morgen um 3:45 Uhr, ist ein Dank für zehn gemeinsame Jahre, er wünschte sich, dass sie keinen Trübsal blase, nicht allein bleibe und einen guten Freund als Stütze fände. Er schreibt auch: „Bis zuletzt bleibe ich ein ehrlicher Kerl, habe mich bis zuletzt verteidigt und kehre ins Nichts zurück ohne irgendwelche Gewissensbisse.“
Joachim Szodrzynski schreibt: „Bis zuletzt äußerlich ungebrochen ermöglicht er durch seine Haltung während der Haft und sein furchtloses Auftreten im Prozess der internationalen Presse die Entlarvung des NS-Regimes. Umgekehrt schützt ihn wahrscheinlich gerade das Bewusstsein, mit seiner Person für die ‚gerechte Sache’ zu stehen, vor dem Zusammenbruch (...) Die Erfahrung, daß ein nicht geringer Teil seiner Genossen, die das vermeintliche Glück hatten, rechtzeitig vor den Nazis in die Sowjetunion zu entkommen, dort wenige Monate nach seiner Hinrichtung im Namen des von ihm hochgehaltenen Ideals liquidiert wird (darunter der 2. Bundesvorsitzende des RFB, Willy Leow und der Vertraute Thälmanns, Hermann Schubert), bleibt André erspart. Möglicherweise wäre er d a r a n zerbrochen.“
Am 4. November 1936 um sechs Uhr morgens wurde Etkar André, zweiundvierzig Jahre alt, im Hamburger Untersuchungsgefängnis Holstenglacis unter Leitung des Generalstaatsanwalts Dr. Drescher von dem Scharfrichter Gröpler aus Magdeburg mit dem Handbeil hingerichtet. Es soll sich um die letzte Hinrichtung dieser Art in Hamburg gehandelt haben, später ging man zum Einsatz einer Guillotine über, die inzwischen zu den Exponaten eines Kriminalmuseums gehört.
Bereits zu Lebzeiten Legende, nahmen Millionen Menschen in Europa Anteil an seinem Tod. Protest- und Trauermärsche fanden statt, im Hamburger Zuchthaus Fuhlsbüttel traten 5000 Insassen in einen Proteststreik. Er hatte keine Berühmtheit als Politiker oder „Parteibonze“ erlangt, sondern wurde als aufrechter Mensch, der für seine Mitmenschlichkeit, seine Überzeugungen und als Gegner des Naziregimes in den Tod gegangen war, zum Symbol des antifaschistischen Widerstands. Ein Stoff, aus dem Mythen gewoben werden, der Text dieser Biographie ist ein Versuch, anhand vorhandener Unterlagen und Veröffentlichungen sowie Berichten von Zeitzeugen dem realen Etkar André auf die Spur zu kommen.
Aus Furcht vor weiteren Unruhen ordnete die Gestapo eine Beisetzung „in aller Stille und unter strengster Verschwiegenheit“ an, die Urne wurde heimlich vergraben und erst zehn Jahre später gefunden, weil die Verwaltung des Ohlsdorfer Friedhofs nicht der Anordnung gefolgt war, alle Unterlagen zu vernichten. Zusammen mit 26 weiteren, vom Komitee ehemaliger politischer Gefangener aus Brandenburg überführten Urnen fand die Beisetzung im September 1946 auf dem Platz der Revolutionsopfer von 1918 nahe dem Haupteingang des Friedhofs Ohlsdorf statt. Mit Erlaubnis des britischen Stadtkommandanten waren die Urnen zuvor in Begleitung eines großen Schweigemarsches vom Standort des Komitees in der Maria-Luisen-Straße zu einer Gedenkveranstaltung ins Hamburger Rathaus gebracht worden, anschließend nach Ohlsdorf, in strömendem Regen. Zeitzeugen berichteten von einer eindrucksvollen Demonstration.
Heute befindet sich die Grabstätte von Etkar André im Ehrenhain für die Opfer des Faschismus auf dem Ohlsdorfer Friedhof, wohin sie zusammen mit den Urnen weiterer Widerstandskämpfer im April 1962 überführt worden ist. An der Gedenkfeier nahm auch Martha teil, die Etkars Namen angenommen hatte und nun Berg-André hieß.
Von seinem Tod hatte sie 1936 in Paris erfahren, wo sie bei Freunden wohnte und sich im Widerstand engagierte. 1940 von der deutschen Besatzung festgenommen, musste sie längere Zeit im Lager Gurs verbringen. Sie ging später nach Ostberlin und war u.a. als Leiterin tätig für die Gemeinschaft Opfer des Faschismus. Ehrungen Etkar Andrés in der DDR spiegelten sich wider in der Benennung von Straßen, Schulen und Plätzen. 1974 erschien anlässlich seines 80. Geburtstags eine Briefmarke mit seinem Konterfei.