Olga Delbanco
* 1876
HIER WOHNTE
OLGA DELBANCO
JG. 1876
DEPORTIERT 1941
MINSK
ERMORDET
Haynstraße 10
Weitere Stolpersteine in Haynstraße 10: Gertrud Brühl | Fanny Kallmes | Wilhelm Cohn | Josefine Holländer | Olga Delbanco | Hermann Falkenstein | Elfriede Ruben |
Fanny Kallmes, geb. Nathan, geb. am 26.10.1871, gedemütigt/entrechtet, Flucht in den Tod am 15.7.1942
Wilhelm Cohn, genannt Korn, geboren am 27.12.1873, gedemütigt/entrechtet, Flucht in den Tod am 15.7.1942
Olga Delbanco, geb. 24.2.1876 in Hamburg, deportiert 18.11.1941 nach Minsk
Elfriede Ruben, geb. 30.5.1885 in Lübeck, am 25.10.1941 nach Lodz deportiert, am 12.9.1942 nach Chelmno weiterdeportiert
Haynstraße 10
Olga Delbanco, geb. 24.2.1876 in Hamburg, deportiert 18.11.1941 nach Minsk
Haynstraße 10 (Eppendorf)
Olga Delbanco wurde 1876 in Hamburg als Tochter des Kaufmanns Hirsch Elias Delbanco (1831–1906) und Hanna Delbanco geb. Arnhold (1843–1914) geboren.
Die Delbancos waren eine weitverzweigte Hamburger Familie, die schon im Adressbuch der Hansestadt von 1794 mit vier Haushaltsvorständen notiert war, allesamt Kaufleute. Der Großvater Elias Israel Delbanco (1802–1880) lebte zuletzt am Großneumarkt 30 (Neustadt), wo auch der unverheiratete Hirsch E. Delbanco bereits 1864 bis 1867 aufgrund seiner Geschäftstätigkeit einen eigenen Adressbucheintrag hatte. Hirsch E. Delbanco und Hanna Arnhold, Tochter des Kaufmanns Eduard Arnhold u. Caroline geb. Neustadt, hatten sich nach der Ziviltrauung (15.11.1867) auch von Oberrabbiner Dr. Anschel Stern (1820–1888) in der Synagoge trauen lassen (25.12.1867). Vor Olga Delbanco waren die Geschwister Adelheid (1868–1940), Eduard (1869–1925) und Ernst (1871–1932) in der Wohnung Deichthorstraße 8 (St. Georg, Klostertor) zur Welt gekommen. Der Vater hatte 1862 den Bürgerbrief der Hansestadt Hamburg erworben, ein Zeichen wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Solidität. Er gründete im Juni 1862 zusammen mit Jens Christian Folkmann das Tuchlager, Kommissions- u. Speditionsgeschäft Delbanco & Folkmann, das von 1872 bis zu seiner Liquidierung im Dezember 1878 seinen Sitz am Alten Wall 74 (Altstadt) hatte. Anschließend betrieb Hirsch Delbanco von 1881 bis 1897 eine „Slips- u. Cravattenfabrik“ in der Deichstraße 8 /Altstadt (1881–1883) und Bohnenstraße 12 (1884–1895), direkt bei der St. Nicolaikirche, die auch Vermieterin war. Vermutlich zeitgleich mit der Auflösung der Firma erfolgte der Umzug in die Bogenstraße. Der Vorname von Hirsch Delbanco tauchte in den Adressbüchern immer nur mit einem abgekürzten H. E. auf.
Die Familie von Hirsch und Hanna Delbanco wohnte lange in der Deichthorstraße 8 in St. Georg (1868–1888), einem Haus, das vermutlich den Schwiegereltern von Hirsch Delbanco gehörte. Danach lauteten die Wohnadressen Klosterallee 31 (1889–1892), Bogenstraße 11a in Eimsbüttel (1893–1896), Kielortallee 15/ Eimsbüttel (1896–1901), Eppendorfer Baum 5/ Harvestehude (1901–1903) und Heinrich-Barth-Straße 8/ Rotherbaum (ab 1903). Beide Eltern wurden auf dem Jüdischen Friedhof Hamburg-Ohlsdorf beigesetzt.
Olga Delbanco begann nach ihrer Ausbildung auf dem Lehrerinnen-Seminar in Hamburg im Oktober 1895 mit der Unterrichtstätigkeit als Volksschul-Lehrerin, sie war zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre alt und damit noch nicht volljährig. Im Januar 1899 erfolgte ihr Eintritt in den Hamburgischen Schuldienst. Sie unterrichtete in Hamburg-Eimsbüttel an der Knaben- und Mädchenschule Tornquiststraße 19a (u.a. 1907–1915) sowie an der Mädchenschule Hohe Weide 12 (u. a. 1918–1923). Die Volksschule Hohe Weide war 1887 bis 1890 als Knaben- und Mädchenschule mit separaten Eingangsbereichen, in einem einheitlichen Baukörper mit gemeinsamer Turnhalle für jeweils vierzehn Klassen errichtet worden – ein damals üblicher Bautyp für die steigenden Schüler/innenzahlen der wachsenden Hansestadt. Während des Ersten Weltkrieges wurden auch im Stadtteil Eimsbüttel Schulen zu Lazaretten umfunktioniert und die Schüler/innen auf andere Schulen verteilt. 1923 hatte das Deutsche Reich Krisen historischen Ausmaßes zu bewältigen, darunter die Bekämpfung der Inflation durch das „Wunder“ der neuen stabilen Rentenmark (1 Dollar = 4,20 Rentenmark = 4,2 Billionen Papiermark). Zu den rigorosen Maßnahmen des Deutschen Reiches wie des Stadtstaates Hamburg gehörte auch der Personalabbau von rund 1,6 Millionen Beamten und Angestellten, die bis zum 1. April 1924 in den Ruhestand geschickt wurden. Davon war auch das Schul- und Erziehungswesen betroffen. So bezog auch die mittlerweile 48jährige Olga Delbanco ab 1. April 1924 als einstweilig in den Ruhestand (Wartestand) versetzte Beamtin ein „Wartegeld“.
Erst nach ihrem einstweiligen Ruhestand 1924 wurde Olga Delbanco als eigenständiges Mitglied der Deutsch-Israelitischen Gemeinde geführt.
Die unverheiratete Olga Delbanco wohnte auch als Lehrerin weiterhin bei den Eltern und nach dem Tod des Vaters bei der Mutter in der Heinrich-Barth-Straße 8/Rotherbaum (1903–1907) und der Oberstraße 3/ Harvestehude (1908–1914). Vermutlich wurde nach dem Tod der Mutter (Dezember 1914) die Wohnung in der Oberstraße aufgelöst und Olga Delbanco zog zu ihrem Bruder Eduard Delbanco (geb. 27.11.1869) in die Wrangelstraße 2 (Hoheluft-West), der dort seit September 1915 im 3. Stock wohnte. Der ebenfalls unverheiratete Bruder hatte nach längeren Auslandsaufenthalten 1900 die Firma Eduard Delbanco Agentur und Commission gegründet.
Von 1916 bis 1934 war Olga Delbanco im Hamburger Adressbuch mit einer eigenen Wohnung in der Wrangelstraße 2 verzeichnet. Ihr Bruder Eduard Delbanco war im Juli 1919 nach Groß Flottbek verzogen, das damals außerhalb der Stadt Hamburg lag.
Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten und deren antisemitischen Maßnahmen änderte sich auch die Wohnsituation von Olga Delbanco, die nun, laut Kultussteuerkartei der Jüdischen Gemeinde, in wechselnden Untermietverhältnissen in Hamburg-Eppendorf lebte: vermutlich ab 1935 Beim Andreasbrunnen 8 bei der Witwe Betty Asch (1865–1938), danach in der Haynstraße 13 bei der unverheirateten Schneiderin für Damenhüte und Modistin Frieda Eller (geb. 3.10.1904 in Hamburg), anschließend in der Haynstraße 10 bei Rosenberg (deren Name aber in den Hamburger Adressbüchern 1936–1941 unter dieser Adresse nicht verzeichnet ist) und zuletzt in der Haynstraße 5 in der Pension des ehemaligen Kaufmanns Alfred Heidemann (geb. 3.8.1884 in Osterholz-Scharmbeck). Die Häuser Haynstraße 5 und Haynstraße 7 waren als sogenannte Judenhäuser von den staatlichen Stellen als Sammelquartiere in die Vorbereitung der Deportationen einbezogen. Abweichend von der Kultussteuerkartei führte das Hamburger Adressbuch Olga Delbanco von 1939 bis 1941 mit einem eigenen Eintrag für die Erdgeschosswohnung Haynstraße 13 (ab 1940 Senator-Hayn-Straße 13), wo bis zu seiner Emigration im Februar 1938 der Kaufmann Siegfried S. (Samuel) Strauss (geb. 29.10.1898 in Mergentheim) wohnte und eine 1930 nach ihm benannte Maklerfirma für Metalle sowie Im- und Exportfirma betrieb. Woher diese abweichenden Wohneinträge kommen ließ sich nicht klären; auch nicht, wer eventuell anstelle von Olga Delbanco in der Erdgeschosswohnung lebte..
Mittlerweile entrechtet und finanziell ausgeplündert, wurde Olga Delbanco am 18. November 1941 ins Getto Minsk ins besetzte Weißrußland deportiert, von wo sie nicht zurückkehrte.
Ihr Todesdatum ist nicht bekannt, ebensowenig ob sie an Hunger oder Infektionskrankheiten starb oder bei den Erschießungsaktionen der SS umkam.
Ihr Cousin Prof. Dr. Ernst Delbanco (siehe dort) nahm sich am 31. März 1935 das Leben. An ihn erinnern Stolpersteine in der Alten Rabenstraße 12 (Wohnung) und Edmund-Siemers-Allee 1 (Universitätshauptgebäude).
Auch die Vermieter von Olga Delbanco wurden deportiert: Alfred Heidemann am 25. Oktober 1941 nach Lodz und Frieda Eller am 6. Dezember 1941 nach Riga.
Stand September 2014