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Julius Pilatus
* 1901

HIER WOHNTE
JULIUS PILATUS
JG. 1901
DEPORTIERT 1941
GHETTO MINSK
ERMORDET

Großneumarkt 38 (vorm. Schlachterstraße)

Weitere Stolpersteine in Großneumarkt 38 (vorm. Schlachterstraße): Leopold Falck | Johanna Holstein | Gustav Holstein | Anna Prager | Ida Prager | Marianne Melhausen | Gertrud Leiserowitz | Bernhard Leiserowitz | Julius Pilatus | David Pollak |

Leopold Falck, geb. 4.5.1880 in Hamburg, deportiert am 6.12.1941 nach Riga-Jungfernhof
Jacob Cohn, geb. am 6.4.1884 in Hamburg, mehrfach inhaftiert, deportiert am 25.10.1941 nach Lodz, dort verstorben am 8.2.1942
Jacob Cohn, geb. am 6.4.1884 in Hamburg, mehrfach inhaftiert, deportiert am 25.10.1941 nach Lodz, dort verstorben am 8.2.1942
Anna Prager, geb. 1.7.1872 in Beneschau, deportiert am 19.7.1942 nach Theresienstadt, weiterdeportiert am 23.9.1942 nach Treblinka
Anna Prager, geb. 1.7.1872 in Beneschau, deportiert am 19.7.1942 nach Theresienstadt, weiterdeportiert am 23.9.1942 nach Treblinka
Marianne Melhausen, geb. 9.4.1864 in Hamburg, deportiert 19.7.1942 nach Theresienstadt, weiterdeportiert am 26.9.1942 ins Vernichtungslager Treblinka
Bernhard Leiserowitz, geb. 13.3.1876 in Wronke/Posen, deportiert am 19.7.1942 nach Theresienstadt, dort verstorben am 19.1.1943
Bernhard Leiserowitz, geb. 13.3.1876 in Wronke/Posen, deportiert am 19.7.1942 nach Theresienstadt, dort verstorben am 19.1.1943
Julius Pilatus, geb. 16.4.1901 in Hamburg, deportiert am 8.11.1941 nach Minsk
David Pollak, geb. 20.5.1881 in Brünn in Mähren, deportiert am 19.7.1942 nach Theresienstadt, weiterdeportiert am 9.10.1944 nach Auschwitz

Hamburg Bezirke

Großneumarkt 38 (vorm. Schlachterstraße)

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Julius Pilatus, geb. 16.4.1901 in Hamburg, deportiert am 8.11.1941 nach Minsk

Großneumarkt 38 (Schlachterstraße 46/47)

Julius Pilatus war das jüngste Kind des jüdischen Ehepaares David Theodor Pilatus und Hendrina, geb. Seckel. Sein Vater war Haus- und Assekuranzmakler in der Brüderstraße 10, wo auch Julius’ ältere Geschwister Martha Rosa, geboren am 19. April 1893, und Moritz John, geboren am 24. März 1895, zur Welt kamen. Ihre Großmutter Therese/Teichen Pilatus, geb. Isaac, betrieb im Parterre des Hauses das Hotel „Stadt Breslau“. Der Großvater Moritz John Pilatus war aus Warschau zugezogen und bereits 1888 verstorben. In den Hamburger Adressbüchern tauchte sein Name erstmals 1848 als Gastwirt in der 3. Elbstraße 18 (heute Neanderstraße) auf. Aus der Gastwirtschaft war ein „Logie für Reisende“ geworden, und als Julius’ Vater David Theodor Pilatus am 21. August 1855 zur Welt kam, hatten die Großeltern den Gasthof „Zur Stadt Breslau“ in der Straße Thielbek 6 betrieben. Julius Pilatus lernte seine Großmutter nicht mehr kennen, sie starb 1897, vier Jahre vor seiner Geburt.

Der Großvater mütterlicherseits war der „Horlogiemaker“ (Uhrenmacher) Isaac Wolf Seckel (geb. 1820), Sohn eines Kantors aus Roden. Als er am 5. Mai 1845 Racheltje Samson Abrahams (geb. 1821 in Amsterdam) geheiratet hatte, wurde der Familienname noch Zeckel geschrieben. Die Großeltern Seckel lebten in Hoogezand in der niederländischen Provinz Groningen, wo auch Julius´ Mutter Hendrina am 1. Juli 1859 geboren wurde. Auf ihrer Geburtsurkunde wurde als Beruf ihres Vaters Isaac Wolf Seckel „Voddenkoper“ (Lumpensammler) angegeben, er war „Koopmann“ (Kaufmann), als er 1880 in Hoogezand verstarb. Hendrinas Mutter Racheltje starb 1866, als ihre Tochter sechs Jahre alt war.

Hendrina Seckel kam um 1879 im Alter von 20 Jahren nach Hamburg und arbeitete als Köchin. Ihr älterer Bruder Abraham (geb. 26.7.1852, gest. 23.2.1929) schrieb seinen Familiennamen „Sekkel“ (s. Delfred Jacob www.stolpersteine-hamburg.de). Er war Schneider und heiratete am 28. September 1881 in Hamburg Giedel Mormelstein (geb. 26.3.1856, gest. 17.4.1937).

Hendrina und David Theodor Pilatus heirateten am 17. Juni 1892 und gehörten der Jüdischen Gemeinde in Hamburg an.

Familie Pilatus verließ die Brüderstraße um 1900 und zog in die Kaiser-Wilhelm-Straße, später in die Wexstraße 35, Kohlhöfen 24 und in die Karolinenstraße 32. 1909 zog sie ins Grindelviertel, zunächst in die Grindelallee 46/48, seit 1916 wohnte sie am Grindelberg 7a.

Julius Pilatus erhielt eine kaufmännische Ausbildung. Von 1917 bis 1921 war er Lehrling und Handlungsgehilfe der Firma Julius F. W. Kern, Nord-Deutsche Versicherungsgesellschaft, Stadthausbrücke 15. Dann jedoch konnte er nach einer Nervenerkrankung seinen erlernten Beruf nicht mehr ausüben. In der späteren Fürsorgeakte, die das Wohlfahrtsamt über seine Mutter anlegte, wurde Julius Pilatus als „gemütskrank“ beschrieben. Laut seiner Akte äußerte sich seine Krankheit in Tobsuchtsanfällen. 1924 wurde Julius Pilatus von Friedrich Wohlwill (geb. 20.8.1881, gest. 15.7.1958), Facharzt für Nervenkrankheiten in der Dammthorstraße 27 (heute Dammtorstraße) und Prosektor am Allgemeinen Krankenhaus St. Georg, unter Anwendung der „Elektrizität“ behandelt. 1925 arbeitete Julius im Maklergeschäft seines Vaters mit, der sein Büro mittlerweile aus der Kaiser-Wilhelm-Straße 82 in die private Wohnung verlegt hatte. David Theodor Pilatus verstarb am 12. April 1930 im Alter von 74 Jahren. Er ließ seine Witwe Hendrina und Sohn Julius mittellos zurück. Schon seit einiger Zeit hatte der älteste Sohn Moritz John Pilatus für den Unterhalt der Eltern gesorgt.

Moritz John Pilatus hatte als freiwilliger Sanitäter am Ersten Weltkrieg teilgenommen und nach Ende des Krieges die Prüfung für den höheren Verwaltungsdienst abgelegt. Am 25. Juni 1928 heiratete er Hanna Levy, geboren am 30. Mai 1898 in Friedrichstadt/Kreis Schleswig. Sohn Günther wurde nach dem Tod seines Großvaters am 22. März 1931 geboren.

Zur Zeit der nationalsozialistischen Machtübernahme war Moritz John Pilatus als Verwaltungsobersekretär im Meldewesen der Polizei tätig, wo er am 7. Juni 1933 im Zuge des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ wie alle jüdischen Beamtinnen und Beamte aus dem Dienst entlassen wurde. Seine Frau Hanna eröffnete nun eine kleine Pension am Grindelberg 77, deren Ertrag für den Lebensunterhalt einer fünfköpfigen Familie nicht ausreichte.

Um die Familie ihres älteren Sohnes und Bruders nicht weiter zu belasten, zogen Hendrina und Julius Pilatus im Oktober 1933 als Untermieter in die Parkallee 11 zu dem Ehepaar Leo und Dora Jacobsohn (das Ehepaar Jacobsohn wurde in Auschwitz ermordet). Anfang April 1934 erhielten sie, wahrscheinlich mietfrei, eine kleine Zweizimmerwohnung im Lazarus-Gumpel-Stift, Schlachterstraße 46/47, Haus 2 und wurden von der Jüdischen Gemeinde mit 10 Reichsmark im Monat unterstützt.

Julius Pilatus’ Schwester Martha hatte am 28. Mai 1919 in Hamburg geheiratet. Sie lebte mit ihren drei Kindern und ihrem Ehemann Ernst Wiese in sogenannter Mischehe in der Bramfelderstraße 193 in Hamburg-Wandsbek. Sie überlebte den Nationalsozialismus und berichtete nach dem Krieg, ihr Bruder Julius habe sich zuletzt mühsam durch einen Hausierhandel über Wasser gehalten. Als selbstständiger Vertreter für die Bohnerwachsfirma Paul Rosenberg in der Rappstraße 26 verkaufte er Seife und Waschmittel, bis ihm Ende 1938 der Gewerbeschein entzogen wurde.

Obwohl Julius Pilatus gegenüber einem Fürsorgemitarbeiter äußerte, dass sich sein „Nervenleiden“ gebessert habe, wurde er am 21. Oktober 1937 nach dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ im Eppendorfer Krankenhaus zwangssterilisiert. Ob die Anzeige beim Erbgesundheitsgericht von einem Amtsarzt oder seitens der Fürsorgebehörde erfolgte, ist nicht überliefert.

Julius Pilatus erhielt seinen Deportationsbefehl zusammen mit seinem Bruder Moritz John, der mit seiner Familie zuvor ins „Judenhaus“ Rutschbahn 15 eingewiesen worden war. Am 8. November 1941 wurden sie mit dem ersten Hamburger Transport ins Getto nach Minsk deportiert. Keiner von ihnen überlebte.

Hendrina Pilatus starb einen Monat nach der Deportation ihrer Söhne am 10. Dezember 1941 im Altenheim „Nordheim-Stift“ in der Schlachterstraße 40/42. Sie wurde neben ihrem Ehemann auf dem Jüdischen Friedhof Ilandkoppel in Ohlsdorf beigesetzt.
Für Moritz John und Hanna Pilatus, sowie für Sohn Günther liegen Stolpersteine in der Straße Rutschbahn 31.

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