Edda Purwin
* 1940
ERMORDET IN DER
„KINDERFACHABTEILUNG“
DER HEIL- UND PFLEGEANSTALT
LANGENHORN
EDDA PURWIN
GEB. 1.7.1940
ERMORDET 18.1.1942
Langenhorner Chaussee 560
Weitere Stolpersteine in Langenhorner Chaussee 560: Gottfried Simon | Monika Ziemer | Erwin Sänger | Hermann Scheel | Angela Quast | Edda Purwin | Traudel Passburg | Ingrid Neuhaus | Jutta Müller | Theo Lorenzen |
Gottfried Simon, geb. am 12.12.1885 in Mannheim, ermordet am 23.9.1940 in der Tötungsanstalt Brandenburg an der Havel
Monika Ziemer, geb. am 12.10.1939 in Hamburg, getötet am 19.5.1942 im Hilfskrankenhaus der „Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn“
Erwin Sänger, geb. am 17.2.1935 in Hamburg, getötet am 10.4.1943 in der „Kinderfachabteilung der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn“
Hermann Scheel, geb. am 16.8.1939 in Hamburg, getötet am 22.8.1942 in der „Kinderfachabteilung der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn“
Angela Quast, geb. am 30.6.1942 in Dradenau, getötet am 9.5.1943 in der „Kinderfachabteilung der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn“
Edda Purwin, geb. am 1.7.1940 in Lüneburg, getötet am 18.1.1942 in der „Kinderfachabteilung der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn“
Traudel Passburg, geb. am 3.5.1940 in Hamburg, getötet am 30.4.1942 in der „Kinderfachabteilung der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn“
Ingrid Neuhaus, geb. am 25.2.1940 in Hamburg, getötet am 4.9.1941 in der „Kinderfachabteilung der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn“
Jutta Müller, geb. am 14.7.1940 in Hamburg, getötet am 10.6.1943 in der „Kinderfachabteilung der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn“
Theo Lorenzen, geb. am 10.5.1939 in Hamburg, getötet am 24.5.1942 in der „Kinderfachabteilung der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn“
Langenhorner Chaussee 560
Edda Purwin, geb. am 1.7.1940 in Lüneburg, getötet am 18.1.1942 in der „Kinderfachabteilung der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn“
Asklepios-Klinik Nord-Ochsenzoll, Henny-Schütz-Allee, Gedenkort Haus 25, Einfahrt
Langenhorner Chaussee 560
Edda Purwin wurde am 1. Juli 1940 in Lüneburg geboren. Sie war die Tochter der ledigen Hausgehilfin Anneliese Auguste Hermine Sophie Dora Purwin und von Albert Gerstenberg. Zuvor hatte ihre Mutter in der Landwirtschaft in Luhdorf, Boltersen, Barföde, Bleckede und Peine gearbeitet. Über vier Tage lang dauerte die schwere Geburt, Edda war scheintot auf die Welt gekommen. Anschließend wurde sie vier Wochen lang untersucht.
Sie kam in das Kinderhospital Lüneburg. In der Zwischenzeit war ihre Mutter eine neue Beziehung mit dem Unteroffizier Johann Seebeck (geb. 1914) eingegangen und erwartete ihr zweites Kind.
Edda wurde an ihrem ersten Geburtstag von Dr. Hans Rohlfing, Leiter des Gesundheitsamtes Lüneburg, dem „Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leidens“ gemeldet. Von dort kam am 18. September 1941 die Anweisung, Edda in die „Kinderfachabteilung“ in Langenhorn zu überweisen. Obwohl die Lüneburger „Kinderfachabteilung“ am 9./10. Oktober 1941 neu eingerichtet worden war, wurde Edda aus dem Kinderhospital in der Barckhausenstraße im Alter von fünf Monaten von einer Fürsorgeschwester aus Lüneburg am 8. Dezember 1941 mit dem Attest des Gesundheitsfürsorgeamtes Lüneburg und der Diagnose „Idiotie“ in die „Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn“ gebracht.
Der zuständige Arzt Dr. Knigge stellte fest: „Redet nicht, allmählich spastisch“. Edda lebte dort nur noch sechs Wochen. Am 10. Januar 1942 protokollierte Knigge: „hat ein stark stinkendes Ekzem am Hinterkopf bekommen. Di-Abstrich [Diphtherie]: negativ“. Acht Tage später wurde der letzte Tag in ihrem kurzen Leben protokolliert: „18.I.42. Exitus [Tod]. Di-Abstrich im Rachen: + [positiv]. Diagnose: „cerebrale Kinderlähmung bei Mikrozephalie [kleiner Kopf, vermindertes Gehirnwachstum]. Idiotie. Dr. Knigge“
Edda verstarb am 18. Januar 1942 um 11:30 Uhr in Haus M 10. In der Todesbescheinigung gab Dr. Knigge als Todesursache „Idiotie, Mikrocephalie, Diphterie“ an.
Edda wurde in der „Kinderfachabteilung der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn“ vermutlich mit Luminal-Injektionen (einem Schlafmittel) von Knigge getötet. Die häufig von ihm dabei verzeichnete Angabe „Bronchopneumonie“ (Lungenentzündung) als Todesursache fehlt hier. Ob die Diagnose Diphtherie der Verschleierung diente, kann nicht belegt, aber vermutet werden.
Edda wurde 1 Jahr, 6 Monate und 17 Tage alt.
Neun Tage später fand ihre Beisetzung durch die Beerdigungsgesellschaft Bork am 27. Januar 1942 um 9:00 Uhr auf dem Friedhof Ohlsdorf statt, Grablage Bh 58, Reihe 34, Nr. 7. Ihre Grabstelle ist nicht mehr erhalten.
Eddas Bruder Hans Peter kam am 21. Februar 1942 in Lüneburg unehelich zur Welt. Sein Vater Johann Seebeck wurde am 30. März 1942 als Soldat an der Ostfront getötet. Seine Mutter heiratete im Juli 1942 den Fabrikarbeiter und Obergefreiten Joseph Pfeiffer (geb. 1911), doch auch er fiel im Krieg, im August 1944 in Lettland. Nach einer zweiten Ehe, geschlossen im Mai 1951, lebte Anneliese Purwin mit dem Koch Heinrich Ludwig in der Artlenburger Straße, Lüneburg-St. Lorenz Nord.
Nach dem Krieg äußerte sich Knigge zu den erhobenen Beschuldigungen wegen Mordes bzw. Sterbehilfe in der „Kinderstation“ des Krankenhauses Langenhorn. In einem Schreiben vom 13. Juni 1945 an die Kriminalpolizei über Prof. Rudolf Degkwitz, Leitender Beamter der Hamburger Gesundheitsbehörde, gab er lediglich Sterbehilfe bei zehn bis elf „geisteskranken und mißgestalteten“ Kindern zu, die er durch die Anordnung des Reichsausschusses für gerechtfertigt hielt. Den Namen von Edda Purwin verschwieg er.