Adolf Biedermann
* 1894
ADOLF BIEDERMANN
MDHB 1919 – 1927 SPD
JG. 1881
11.5.1933 STURZ AUS NACHTZUG
WIRD TOT AUFGEFUNDEN
VORGANG NIE GEKLÄRRT
Rathausmarkt 1 (links vor dem Rathaus)
Weitere Stolpersteine in Rathausmarkt 1 (links vor dem Rathaus): Hans Westermann | Ernst Thälmann | Theodor Skorzisko | Otto Schumann | August Schmidt | Fritz Simon Reich | Friedrich Lux | Franz Jacob | Hermann Hoefer | Ernst Henning |
Die politische Vita des von der Sozialdemokratie zur KPD gewechselten Bürgerschaftsmitgliedes Hans Westermann ist durch die Kontroversen geprägt, die sein politischer Pragmatismus Ende der 20er Jahre innerhalb der radikalisierten und dogmatisierten KPD auslöste. Sein letztlich gescheiterter Versuch einer Annäherung der KPD an die Sozialdemokratie spiegelt die gesamte Tragik wider, die sich aus der Spaltung der Arbeiterparteien für das Schicksal der Arbeiterbewegung, ihrer führenden Repräsentanten, aber letztlich auch für den Weimarer Staat insgesamt ergaben. Die von Westermann bekämpfte dogmatische Realitätsferne der Parteiführung war Ausdruck politischer Konzeptionslosigkeit, die nur mühsam hinter dem Schleier des auch von der deutschen KPD betriebenen Personenkultes verborgen werden konnte.
Die historiographische Beurteilung der Rolle Ernst Thälmanns, der die deutschen Kommunisten am Vorabend und auf dem Höhepunkt der Großen Krise der späten 1920er und frühen 1930er Jahre führte, war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die Auseinandersetzung mit der früheren marxistischen Geschichtsschreibung geprägt, die ihn in einer Art heroisierender Legendenbildung zum „Führer der revolutionären Avantgarde“ und zum „bedeutenden Sohn“ des deutschen Volkes stilisierte.
Theodor Franz Leopold Skorzisko wurde am 9. November 1899 im oberschlesischen Raschlowitz (Kreis Neustadt) geboren. Nach Abschluss der Volksschule besuchte er zunächst eine landwirtschaftliche Fachschule, arbeitete jedoch nicht im Agrarbereich, sondern als Elektromonteur. In den 1920er Jahren war er zeitweilig in der Firma des später in die USA emigrierten Hamburger Verlegers Weissenberger tätig.
Otto Schumann wurde am 5. November 1988 in Magdeburg-Buckau geboren. In seiner Heimatstadt besuchte er zunächst die Volksschule und lernte anschließend den Beruf des Formers.
August Friedrich Schmidt kam am 13. Juli 1884 in Königsaue bei Quedlinburg zur Welt, wo er nach Abschluss der Volksschule zunächst als Landarbeiter tätig war. 1906 siedelte er nach Hamburg über. Hier fand er zunächst Beschäftigung auf einer Werft im Hafen, die er später jedoch für eine Anstellung am Staatskai aufgab.
Fritz Simon Reich wurde am 31. August 1868 als Sohn jüdischer Eltern in Königsberg/Ostpreußen geboren. Hier besuchte er das Gymnasium bis zur Obersekunda, um anschließend eine kaufmännische Lehre in einem Königsberger „Engrosgeschäft für Kolonialwaren“ zu absolvieren.
Friedrich Albert Lux wurde am 28. September 1892 im Imten/Kreis Wehlau (Ostpreußen) als Sohn des Arbeiters Carl Lux und seiner Ehefrau Wilhelmine geboren. Nach 8 Jahren Volksschulbesuch war er gezwungen, seinen eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, und kam 1907 mit 15 Jahren über Umwege nach Hamburg. Hier fand er Arbeit im Hafen und somit den Weg in die Arbeiterbewegung. Ein Jahr später schloss er sich der „Sozialistischen Arbeiterjugend“ (SAJ) an und trat im selben Jahr der SPD bei. 1911 wurde er Mitglied der Hafenarbeitergewerkschaft.
„Wenn man sich nur einen Augenblick intensiv mit politischen Angelegenheiten beschäftigt, kommt in mir immer stärker der Wunsch hoch, selbst mittendrin zu stehen“, schrieb der 20jährige Franz Jacob 1926 in sein Tagebuch.90 Nur wenige Jahre später war er als Leiter des „Kommunistischen Jugendverbandes“ in Hamburg, als Funktionär der KPD-Bezirksleitung „Wasserkante“, als Bürgerschaftsabgeordneter und schließlich als eine der führenden Persönlichkeiten des kommunistischen Widerstandes in Deutschland.
Rede von Hilde Jacobs anlässlich der Enthüllung des Stolpersteins für ihren Großvater am 10.10.2009 in der Eppendorfer Landstraße 74
Das Bürgerschaftsmitglied Ernst Robert Henning wurde Opfer der gewalttätigen politischen Auseinandersetzungen auf dem Höhepunkt der „Großen Krise“ zu Beginn der 1930er Jahre. 1931, zwei Jahre vor der nationalsozialistischen Machtübernahme, wurde er von einem SA-Trupp, der eigentlich dem Bürgerschaftsmitglied und KPD-Funktionär Etkar André aufgelauert hatte, ermordet. Geboren am 12. Oktober 1892 in Magdeburg, erlernte Henning nach dem Besuch der Volksschule das Formerhandwerk. Er arbeitete in verschiedenen Gießereien, trat nach Abschluss seiner Lehre dem „Deutschen Metallarbeiterverband“ und noch vor 1914 der SPD bei.
© Maren Münchow
Adolf Biedermann wurde am 30. März 1881 in Hamburg als Sohn des Malers Arthur Biedermann geboren. Er verlor bereits im Kindesalter seine Eltern und wurde ab 1888 in einem Hamburger Waisenhaus erzogen.
1895 verließ er nach achtjähriger Schulzeit die Hauptschule, um in Eckernförde eine fünfjährige Schlosser- und Mechanikerlehre zu absolvieren. Montagereisen führten den jungen Gesellen anschließend an verschiedene Orte im In- und Ausland. 1901 leistete Biedermann seinen Militärdienst ab und ließ sich anschließend in Hamburg nieder – damit hatten seine Wanderjahre ein Ende gefunden. Mit einer früheren Schulfreundin gründete er eine Familie, beruflich etablierte er sich in einer Hamburger Maschinenbaufirma.
Biedermanns politische Heimat war die SPD, seine gewerkschaftliche der „Deutsche Metallarbeiterverband“ (DMV). Die Arbeit in Gewerkschaft und Partei verschmolz für Biedermann zu einer Einheit: für die SPD leitete er den Distrikt Barmbek, für die Metaller übernahm er nach einigen Jahren als Werkstattdelegierter die Hamburger Bezirksführung.
Biedermann machte sich schon bald als Redner und im „Hamburger Echo“ sowie in der Metallarbeiterzeitung auch als Redakteur einen Namen. Daneben besuchte er Kurse im Arbeiterbildungswesen und Allgemeinen Vorlesungswesen – u.a. zwölf Semester Geschichte und Nationalökonomie. 1914 folgte die Zulassung für die SPD-Parteischule in Berlin.
Mit Beginn des Ersten Weltkrieges wurde die so angebahnte Parteikarriere vorerst beendet: Im August 1914 erfolgte die Einberufung des Reservisten Biedermann zum Heeresdienst. Bis 1917 war er als Unteroffizier an der Front, wurde dann in ein Feldrekrutendepot versetzt, wo ihn seine Kameraden im November 1918 zum Vorsitzenden des Soldatenrates wählten. Nach Kriegsende kehrte er nach Hamburg zurück und fand eine Anstellung beim Arbeitsamt.
In der Hansestadt gehörte Biedermann zu den Politikern, die hier den Übergang zu demokratischen Verhältnissen in der neu gegründeten Republik auf den Weg brachten und vollendeten.
Bei den ersten Bürgerschaftswahlen nach dem Krieg 1919 wurde er, der inzwischen SPD-Parteisekretär geworden war, in die Bürgerschaft gewählt. Seine langjährige Abgeordnetentätigkeit im Hamburger Landesparlament erstreckte sich auf viele unterschiedliche Felder. Er wurde u.a. zum Mitglied der Behörde für öffentliche Jugendfürsorge, des Verwaltungsgerichts und des Jugendamtes bestellt, war tätig im „Eingabenausschuß“ und in der „Vertrauenskommission für die Groß-Hamburgfrage“.
Weitere Ämter kamen hinzu: Seit Oktober 1919 leitete er die „Reichszentrale für den Heimatdienst“ in Hamburg, im Mai 1924 kam er zusammen mit Theodor Haubach in den Bezirksvorstand des neugegründeten „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“. Als am 31. Oktober 1926 der Hamburger Reichstagsabgeordnete Fritz Paeplow sein Mandat niederlegte, rückte Adolf Biedermann nach und wirkte fortan in der Sozialdemokra-tischen Reichstagsfraktion. Sein Hamburger Abgeordnetenmandat legte er 1927 nieder, um sich ganz seinen Verpflichtungen in Berlin widmen zu können.
Adolf Biedermann zählte zum rechten Flügel der SPD-Reichstagsfraktion. Er war ein zäher Befürworter einer Regierungsbeteiligung der SPD auf Reichsebene und bezog wiederholt Stellung gegen den Flügel seiner Partei, der eine Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Parteien ablehnte. Aber genau hierin sah Biedermann die Chance, sozialdemokratische Inhalte politisch umzusetzen. Für ihn lag politisches Handelns nicht allein in der Parteidoktrin:
„Oppositionelles Fensterscheibenwerfen“ werde – so Biedermann im April 1930 vor einer Versammlung von Betriebsvertauensleuten – den Interessen der SPD-Wähler nicht gerecht; vielmehr sei es notwendig, „unter höheren Gesichtspunkten auch Unangenehmes, nicht immer mit der Theorie Übereinstimmendes“ hinzunehmen. Kritisch betrachtete Biedermann im März 1930 die starre Haltung seiner Fraktion in der Frage einer Erhöhung der Arbeitslosenversicherungsbeiträge, die den Koalitionspartnern den Vorwand zur Auflösung der Großen Koalition unter dem sozialdemokratischen Reichskanzler Hermann Müller lieferte und so den im Präsidentenpalais und in der Reichswehrführung lange geplanten Übergang zum Präsidialregime auf den Weg brachte. Es war Biedermanns dezidiert regierungsfreundliche Haltung, die ihn nach den Reichstagswahlen vom September 1930 zum Befürworter einer Tolerierung des Kabinetts Brüning werden ließ.
Ähnlich wie Otto Braun, der als preußischer Ministerpräsident Garant des Brüningschen Tolerierungskonzeptes auf sozialdemokratischer Seite war, sah er hier die Möglichkeit, wenigstens teilweise die Notverordnungspolitik der Reichsregierung beeinflussen zu können. Der von Biedermann geforderte Eintritt von SPD-Ministern in die Reichsregierung war weder vom Reichskanzler selbst noch von den eigentlichen Trägern des Brüning’schen Präsidialkabinetts erwünscht.
Auch bei den nicht mehr freien Wahlen vom 5. März 1933 wurde Adolf Biedermann in seinem Hamburger Wahlkreis noch einmal in den Reichstag gewählt. Am 23. März 1933 wandte er sich in einem von SA „geschützten“ Parlament als Abgeordneter einer schon lange nicht mehr vollzähligen SPD-Fraktion mit einem mutigen „Nein“ gegen das „Ermächtigungsgesetz“.(46 Gut zwei Monate später fand man seine Leiche neben den Bahngleisen in der Nähe von Recklinghausen. Auch wenn die näheren Umstände seines Sturzes aus dem Nachtschnellzug Köln-Hamburg am 11. Mai 1933 nicht abschließend geklärt werden konnten, so kann davon ausgegangen werden, dass er von SA-Leuten aus dem fahrenden Zug gestoßen wurde.(47 Bei der Trauerfeier auf dem Ohlsdorfer Friedhof erwiesen mehrere tausend Hamburger Adolf Biedermann das letzte Geleit. Hans Podeyn, der damalige Fraktionsführer der SPD-Bürgerschaftsfraktion, hielt die Gedenkrede. Noch ein Jahr später fanden sich trotz strengster Überwachung und trotz Versammlungsverbots mehrere hundert – einige Berichte sprechen gar von tausenden – Sozialdemokraten an seinem Grab ein und setzten damit ein mutiges Zeichen gegen staatliche Unterdrückung und Gewalt.
Heute erinnert an der Ecke Jarrestraße/ Jean-Paul-Weg, dem Standort des früheren Adolf-Biedermann-Hauses, eine Gedenktafel an den früheren Bürgerschafts- und Reichstagsabgeordneten.
In Barmbek, dem Ausgangspunkt seines langjährigen und bedeutenden politischen Wirkens, ist heute ein Platz nach ihm benannt.