Valentin Ernst Burchard
* 1891
VALENTIN ERNST BURCHARD
MDHB 1932 – 1933 DSTP
JG. 1891
DEPORTIERT 1941
ERMORDET IN
MINSK
Rathausmarkt 1 (links vor dem Rathaus)
Weitere Stolpersteine in Rathausmarkt 1 (links vor dem Rathaus): Hans Westermann | Ernst Thälmann | Theodor Skorzisko | Otto Schumann | August Schmidt | Fritz Simon Reich | Friedrich Lux | Franz Jacob | Hermann Hoefer | Ernst Henning |
Die politische Vita des von der Sozialdemokratie zur KPD gewechselten Bürgerschaftsmitgliedes Hans Westermann ist durch die Kontroversen geprägt, die sein politischer Pragmatismus Ende der 20er Jahre innerhalb der radikalisierten und dogmatisierten KPD auslöste. Sein letztlich gescheiterter Versuch einer Annäherung der KPD an die Sozialdemokratie spiegelt die gesamte Tragik wider, die sich aus der Spaltung der Arbeiterparteien für das Schicksal der Arbeiterbewegung, ihrer führenden Repräsentanten, aber letztlich auch für den Weimarer Staat insgesamt ergaben. Die von Westermann bekämpfte dogmatische Realitätsferne der Parteiführung war Ausdruck politischer Konzeptionslosigkeit, die nur mühsam hinter dem Schleier des auch von der deutschen KPD betriebenen Personenkultes verborgen werden konnte.
Die historiographische Beurteilung der Rolle Ernst Thälmanns, der die deutschen Kommunisten am Vorabend und auf dem Höhepunkt der Großen Krise der späten 1920er und frühen 1930er Jahre führte, war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die Auseinandersetzung mit der früheren marxistischen Geschichtsschreibung geprägt, die ihn in einer Art heroisierender Legendenbildung zum „Führer der revolutionären Avantgarde“ und zum „bedeutenden Sohn“ des deutschen Volkes stilisierte.
Theodor Franz Leopold Skorzisko wurde am 9. November 1899 im oberschlesischen Raschlowitz (Kreis Neustadt) geboren. Nach Abschluss der Volksschule besuchte er zunächst eine landwirtschaftliche Fachschule, arbeitete jedoch nicht im Agrarbereich, sondern als Elektromonteur. In den 1920er Jahren war er zeitweilig in der Firma des später in die USA emigrierten Hamburger Verlegers Weissenberger tätig.
Otto Schumann wurde am 5. November 1988 in Magdeburg-Buckau geboren. In seiner Heimatstadt besuchte er zunächst die Volksschule und lernte anschließend den Beruf des Formers.
August Friedrich Schmidt kam am 13. Juli 1884 in Königsaue bei Quedlinburg zur Welt, wo er nach Abschluss der Volksschule zunächst als Landarbeiter tätig war. 1906 siedelte er nach Hamburg über. Hier fand er zunächst Beschäftigung auf einer Werft im Hafen, die er später jedoch für eine Anstellung am Staatskai aufgab.
Fritz Simon Reich wurde am 31. August 1868 als Sohn jüdischer Eltern in Königsberg/Ostpreußen geboren. Hier besuchte er das Gymnasium bis zur Obersekunda, um anschließend eine kaufmännische Lehre in einem Königsberger „Engrosgeschäft für Kolonialwaren“ zu absolvieren.
Friedrich Albert Lux wurde am 28. September 1892 im Imten/Kreis Wehlau (Ostpreußen) als Sohn des Arbeiters Carl Lux und seiner Ehefrau Wilhelmine geboren. Nach 8 Jahren Volksschulbesuch war er gezwungen, seinen eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, und kam 1907 mit 15 Jahren über Umwege nach Hamburg. Hier fand er Arbeit im Hafen und somit den Weg in die Arbeiterbewegung. Ein Jahr später schloss er sich der „Sozialistischen Arbeiterjugend“ (SAJ) an und trat im selben Jahr der SPD bei. 1911 wurde er Mitglied der Hafenarbeitergewerkschaft.
„Wenn man sich nur einen Augenblick intensiv mit politischen Angelegenheiten beschäftigt, kommt in mir immer stärker der Wunsch hoch, selbst mittendrin zu stehen“, schrieb der 20jährige Franz Jacob 1926 in sein Tagebuch.90 Nur wenige Jahre später war er als Leiter des „Kommunistischen Jugendverbandes“ in Hamburg, als Funktionär der KPD-Bezirksleitung „Wasserkante“, als Bürgerschaftsabgeordneter und schließlich als eine der führenden Persönlichkeiten des kommunistischen Widerstandes in Deutschland.
Rede von Hilde Jacobs anlässlich der Enthüllung des Stolpersteins für ihren Großvater am 10.10.2009 in der Eppendorfer Landstraße 74
Das Bürgerschaftsmitglied Ernst Robert Henning wurde Opfer der gewalttätigen politischen Auseinandersetzungen auf dem Höhepunkt der „Großen Krise“ zu Beginn der 1930er Jahre. 1931, zwei Jahre vor der nationalsozialistischen Machtübernahme, wurde er von einem SA-Trupp, der eigentlich dem Bürgerschaftsmitglied und KPD-Funktionär Etkar André aufgelauert hatte, ermordet. Geboren am 12. Oktober 1892 in Magdeburg, erlernte Henning nach dem Besuch der Volksschule das Formerhandwerk. Er arbeitete in verschiedenen Gießereien, trat nach Abschluss seiner Lehre dem „Deutschen Metallarbeiterverband“ und noch vor 1914 der SPD bei.
© Staatsarchiv Hamburg
Ernst Valentin Burchard wurde am 26. Januar 1891 als Sohn jüdischer Eltern in Hamburg geboren. In Eimsbüttel besuchte er die Oberrealschule und absolvierte anschließend eine kaufmännische Ausbildung in verschiedenen Hamburger Exportgeschäften. Er meldete sich freiwillig zur kaiserlichen Armee und absolvierte sein „Einjähriges“ in Schwerin. Erste Auslandserfahrungen sammelte er in den Jahren 1913 bis 1915 in Buenos Aires. Unmittelbar nach Kriegsbeginn 1914 traf er Vorbereitungen für die Rückkehr nach Deutschland. Mit falschen Papieren ausgestattet, gelangte er im Mai 1915 dorthin auf Umwegen zurück. Sogleich meldete sich Burchard zur Armee und wurde als Unteroffizier an der Westfront eingesetzt.
Unmittelbar nach Kriegsende zog es den jungen Kaufmann erneut ins Ausland. Nach einer Zeit in den Niederlanden machte er sich 1920 in Hamburg selbständig. Im März 1921 heiratete Valentin Burchard die damals 26jährige Hamburgerin Olga Jonas. Aus der Ehe gingen in den zwanziger Jahren die Töchter Gabriele und Marianne und der Sohn Valentin hervor. (50 Bis in den Sommer 1935 wohnte die Familie im Schwanenwik an der Außenalster.
Burchard war neben seiner Tätigkeit als selbständiger Kaufmann ehrenamtliches Mitglied der Industriekommission, der Handelskammer und fungierte zeitweilig auch als Arbeitsrichter. Eine berufliche Veränderung brachte das Jahr 1928, in dem er Vorstandsmitglied der Firma „Hugo Peters & Co. AG“, einer Weinhandels- und Spirituosenfabrik, wurde. Wenige Jahre später gründete Burchard eine eigene Weingroßhandlung auf der Uhlenhorst. Als die Familien ihr Haus am Schwanenwik im Zuge der sich verschärfenden Diskriminierung und Entrechtung jüdischer Bürger im August 1935 aufgeben mussten, zogen sie in das Firmengebäude in der Papenhuder Straße 53.
Erst im April 1932 wurde Burchard für die Deutsche Staatspartei in die Bürgerschaft gewählt. In seinen wenigen Redebeiträgen setzte er sich mit den katastrophalen Folgen der Parallel- und Deflationspolitik des Reichskabinetts Brüning auf die Wirtschaft der Hansestadt auseinander: „Solange eine Wirtschaftspolitik wie zuletzt geführt wird, solange nützt alles nichts“, so seine bezeichnende Einschätzung der Möglichkeiten einer eigenständigen Hamburger Politik 1932.51 Der kompromisslose Durchhaltekurs Brünings hatte nicht nur die Leistungsfähigkeit der Bevölkerung, die sich in Massen den radikalen Parteien und v.a. der NSDAP zuwandte, überstrapaziert, sondern zugleich auch viele demokratische Politiker in die Resignation getrieben.
Burchard verlor sein Mandat schließlich durch die Umbildung der Hamburgischen Bürgerschaft gemäß des „Vorläufigen Gesetzes zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich“ entsprechend dem Wahlergebnis der Reichstagswahlen vom 5. März 1933. Nach dem Parteiverbot vom Sommer 1933 widmete sich Burchard ganz seinem Beruf, obgleich er als jüdischer Bürger auch hier den repressiven Maßnahmen des nationalsozialistischen Regimes ausgesetzt war. Angesichts geringer werdender Umsätze seines Weinhandels gründete er im August 1935 die Firma „Valentin Burchard & Co.“, die für den Export bestimmte pharmazeutische Präparate herstellte. Burchard war persönlich haftender Gesellschafter der Firma und für den kaufmännischen Bereich zuständig, der Apotheker Geza von Molnar fungierte als Kommanditist und leitete den Produktionsbereich.
Am Vogelreth 8 im Freihafen wurde ein kleines Fabrikgelände angemietet, auf dem „Fluid-Extrakte, Tinkturen und andere Pharmaprodukte“ hergestellt wurden. Die Produkte wurden dank der guten Auslandskontakte Burchards in erster Linie nach Süd- und Mittelamerika verkauft, Abnehmer fanden sich aber auch in den Niederlanden, Skandinavien und Asien. Die chemisch-pharmazeutische Fabrik hatte insgesamt elf Angestellte. Obgleich die Firma eine gute Entwicklung nahm und wachsende Umsätze prognostiziert werden konnten, brachte der Austritt der Kommanditisten Oscar Friedländer und John Hausmann im April 1937 die Firma in ernste Schwierigkeiten. Schließlich sicherte aber der Eintritt von Emmy Jonas, der Schwester von Burchards Ehefrau Olga, das Überleben der Fabrik.52 Im September 1938 wurde Valentin Burchard Opfer der Hochphase der „Arisierung“ in Hamburg: Er hatte bei der Industrie- und Handelskammer ein Auslandsvisum für eine Geschäftsreise beantragt.
Eine Anfrage der IHK bei der Finanzbehörde, ob Burchard bei einer Visaerteilung Sicherheiten für den Fall einer Flucht wegen Begleichung der fällig werdenden „Reichsfluchtsteuer“ hinterlegt habe, ließ ihn zum Ziel behördlicher Zwangsmaßnahmen werden. Am Ende dieses von vielen Dienststellen und zahllosen Sachbearbeitern behandelten Vorgangs standen die Enteignung und schließliche Deportation. Burchards Schicksal steht damit exemplarisch für die vielen Facetten der Judenverfolgung im Deutschen Reich.
So hatten auch deutsche Ämter einen wesentlichen Anteil an der späteren technischen Abwicklung des Holocausts. Unmittelbar nach Bekanntwerden des Antrags setzte die Devisenstelle der Finanzbehörde alle relevanten Stellen der Finanzverwaltung in Kenntnis und leitete Ermittlungen wegen des Verdachts der „Kapitalflucht“ ein. Die Polizeibehörde wurde beauftragt, Nachforschungen anzustellen, bei der Zollfahndungsstelle wurde ein Ermittlungsverfahren wegen einer möglicherweise bestehenden „Auswanderungsabsicht“ eingeleitet. Obwohl die polizeilichen Ermittlungen ergaben, dass eine Auswanderungsabsicht nicht bestehe, wurde ein Visum verweigert – angeblich hatte die Gronesche Handelsschule in Hamburg Passsperre gegen Burchard beantragt, weil für dessen Tochter Schulgelder in geringfügiger Höhe nicht beglichen waren.
Auf Anfrage der Zollfahndung teilte die IHK Hamburg den staatlichen Behörden im Oktober 1938 mit, dass Burchards Exportfirma eine gute Entwicklung genommen habe. Die IHK ging von einem weiteren Wachstum des Betriebes aus und hielt ihn angesichts der dramatischen Devisenknappheit des Reiches: „für die […] Volkswirtschaft von Bedeutung“. Aus diesem Grunde sei es – so die IHK weiter – anzustreben, die Firma „in ari-schen Besitz zu überführen“. Nur wenig später wurde daraufhin von der „Gauwirtschaftsleitung“ die „Arisierung“ des Burchardschen Betriebes eingeleitet.
Im Januar 1939 musste Valentin Burchard sein Unternehmen an die Hamburger „Chinosolfabrik AG“ verkaufen. Der Verkaufspreis wurde so festgesetzt, dass Burchard nach Begleichung aller noch bestehenden Verbindlichkeiten faktisch mittellos war. Für ein bescheidendes Entgelt konnte er nach seiner Enteignung und der Übernahme durch „Chinosol“ noch für die Dauer der Abwicklung des Kaufvertrages im Betrieb tätig sein. Diese Tätigkeit war zunächst bis zum Jahresende 1939 befristet, wurde dann aber – als sich durch den Kriegsbeginn die Abwicklung der Übergabe verzögerte – noch einmal bis zum 1. September 1940 verlängert.
Noch im Januar 1939, als Hitler der Weltöffentlichkeit die „Vernichtung des Judentums in Europa“ für den Fall eines Krieges ankündigte, stellte Valentin Burchard für sich und seine Familie einen Antrag auf Ausreise in die Niederlande. Bis Juli 1939 gelang es ihm in mühevoller Kleinarbeit, alle von der „Devisenstelle“ der Hamburger Finanzbehörde für eine Bearbeitung des Antrages geforderten Bescheinigungen und Unterlagen zusammenzutragen.
Finanziert werden sollte die Auswanderung durch den Rückkauf einer in Großbritannien bestehenden Lebensversicherung. Allerdings war Burchard nach seiner Enteignung nicht mehr in der Lage, den von der Devisenstelle geforderten Gegenwert der Versicherung in Höhe von £ 410 abzuliefern.
Der Versuch, die Summe im Ausland über eine Beleihung der Lebensversicherung zu beschaffen, war mit dem deutschen Angriff auf Polen und dem damit beginnenden Zweiten Weltkrieg zum Scheitern verurteilt. Nachdem sich Deutschland und Großbritannien im Kriegszustand befanden, wurden Briefe Burchards an seinen dortigen Finanzmakler nicht mehr beantwortet.
Daraufhin scheint Burchard seine Bemühungen um Ausreise aufgegeben zu haben. Der zuständige Sachbearbeiter an der „Devisenstelle“ des Oberfinanzpräsidiums in Hamburg gab den Vorgang im November 1939 mit der Notiz zu den Akten, Burchard habe sich auf die Mitteilung, wonach der Gegenwert jener £ 410 vor einer möglichen Ausreise in der Währung eines neutralen Landes bei der Devisenstelle „abzuliefern“ sei, nicht mehr gemeldet.56 Als im Oktober 1941 die Massendeportationen aus dem „Altreich“ begannen, gehörte auch Burchards Familie zu jenen 60 000 jüdischen Bürgern, die bis Februar 1942 aus deutschen Großstädten in die Ghettos von Warschau, Lodz, Bialystok, Riga, Kowno oder Minsk deportiert wurden. Valentin Burchard, seine Ehefrau Olga sowie seine beiden Töchter Gabriele und Marianne gehörten zu 1000 Hamburger Juden, die am 8. November 1941 vor den Augen der Bevölkerung auf die Moorweide gegenüber dem Dammtorbahnhof zusammengetrieben wurden, um von hier aus auf einen der insgesamt siebzehn Deportationszüge geschickt zu werden. Zwei Tage später erreichte der Zug das Ghetto Minsk. Hier verliert sich die Spur der Burchards. Ob dies die Endstation ihres Leidensweges oder wie für viele nur Zwischenstation auf dem Weitertransport in eines der Vernichtungslager war, ist unklar.
Auf Antrag des überlebenden Sohnes wurde Ernst Valentin Burchard nach dem Krieg für tot erklärt. Das Todesdatum wurde auf den 8. Mai 1945 festgelegt.