Wilhelm Heidsiek
* 1888
WILHELM HEIDSIEK
MDHB 1933 SPD
JG. 1888
VERHAFTET 1944
„AKTION GEWITTER“
NEUENGAMME
TOT 7.11.1944
Rathausmarkt 1 (links vor dem Rathaus)
Weitere Stolpersteine in Rathausmarkt 1 (links vor dem Rathaus): Hans Westermann | Ernst Thälmann | Theodor Skorzisko | Otto Schumann | August Schmidt | Fritz Simon Reich | Friedrich Lux | Franz Jacob | Hermann Hoefer | Ernst Henning |
Die politische Vita des von der Sozialdemokratie zur KPD gewechselten Bürgerschaftsmitgliedes Hans Westermann ist durch die Kontroversen geprägt, die sein politischer Pragmatismus Ende der 20er Jahre innerhalb der radikalisierten und dogmatisierten KPD auslöste. Sein letztlich gescheiterter Versuch einer Annäherung der KPD an die Sozialdemokratie spiegelt die gesamte Tragik wider, die sich aus der Spaltung der Arbeiterparteien für das Schicksal der Arbeiterbewegung, ihrer führenden Repräsentanten, aber letztlich auch für den Weimarer Staat insgesamt ergaben. Die von Westermann bekämpfte dogmatische Realitätsferne der Parteiführung war Ausdruck politischer Konzeptionslosigkeit, die nur mühsam hinter dem Schleier des auch von der deutschen KPD betriebenen Personenkultes verborgen werden konnte.
Die historiographische Beurteilung der Rolle Ernst Thälmanns, der die deutschen Kommunisten am Vorabend und auf dem Höhepunkt der Großen Krise der späten 1920er und frühen 1930er Jahre führte, war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die Auseinandersetzung mit der früheren marxistischen Geschichtsschreibung geprägt, die ihn in einer Art heroisierender Legendenbildung zum „Führer der revolutionären Avantgarde“ und zum „bedeutenden Sohn“ des deutschen Volkes stilisierte.
Theodor Franz Leopold Skorzisko wurde am 9. November 1899 im oberschlesischen Raschlowitz (Kreis Neustadt) geboren. Nach Abschluss der Volksschule besuchte er zunächst eine landwirtschaftliche Fachschule, arbeitete jedoch nicht im Agrarbereich, sondern als Elektromonteur. In den 1920er Jahren war er zeitweilig in der Firma des später in die USA emigrierten Hamburger Verlegers Weissenberger tätig.
Otto Schumann wurde am 5. November 1988 in Magdeburg-Buckau geboren. In seiner Heimatstadt besuchte er zunächst die Volksschule und lernte anschließend den Beruf des Formers.
August Friedrich Schmidt kam am 13. Juli 1884 in Königsaue bei Quedlinburg zur Welt, wo er nach Abschluss der Volksschule zunächst als Landarbeiter tätig war. 1906 siedelte er nach Hamburg über. Hier fand er zunächst Beschäftigung auf einer Werft im Hafen, die er später jedoch für eine Anstellung am Staatskai aufgab.
Fritz Simon Reich wurde am 31. August 1868 als Sohn jüdischer Eltern in Königsberg/Ostpreußen geboren. Hier besuchte er das Gymnasium bis zur Obersekunda, um anschließend eine kaufmännische Lehre in einem Königsberger „Engrosgeschäft für Kolonialwaren“ zu absolvieren.
Friedrich Albert Lux wurde am 28. September 1892 im Imten/Kreis Wehlau (Ostpreußen) als Sohn des Arbeiters Carl Lux und seiner Ehefrau Wilhelmine geboren. Nach 8 Jahren Volksschulbesuch war er gezwungen, seinen eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, und kam 1907 mit 15 Jahren über Umwege nach Hamburg. Hier fand er Arbeit im Hafen und somit den Weg in die Arbeiterbewegung. Ein Jahr später schloss er sich der „Sozialistischen Arbeiterjugend“ (SAJ) an und trat im selben Jahr der SPD bei. 1911 wurde er Mitglied der Hafenarbeitergewerkschaft.
„Wenn man sich nur einen Augenblick intensiv mit politischen Angelegenheiten beschäftigt, kommt in mir immer stärker der Wunsch hoch, selbst mittendrin zu stehen“, schrieb der 20jährige Franz Jacob 1926 in sein Tagebuch.90 Nur wenige Jahre später war er als Leiter des „Kommunistischen Jugendverbandes“ in Hamburg, als Funktionär der KPD-Bezirksleitung „Wasserkante“, als Bürgerschaftsabgeordneter und schließlich als eine der führenden Persönlichkeiten des kommunistischen Widerstandes in Deutschland.
Rede von Hilde Jacobs anlässlich der Enthüllung des Stolpersteins für ihren Großvater am 10.10.2009 in der Eppendorfer Landstraße 74
Das Bürgerschaftsmitglied Ernst Robert Henning wurde Opfer der gewalttätigen politischen Auseinandersetzungen auf dem Höhepunkt der „Großen Krise“ zu Beginn der 1930er Jahre. 1931, zwei Jahre vor der nationalsozialistischen Machtübernahme, wurde er von einem SA-Trupp, der eigentlich dem Bürgerschaftsmitglied und KPD-Funktionär Etkar André aufgelauert hatte, ermordet. Geboren am 12. Oktober 1892 in Magdeburg, erlernte Henning nach dem Besuch der Volksschule das Formerhandwerk. Er arbeitete in verschiedenen Gießereien, trat nach Abschluss seiner Lehre dem „Deutschen Metallarbeiterverband“ und noch vor 1914 der SPD bei.
Wilhelm Heidsiek kam am 4. Januar 1888 in Preußisch-Oldendorf, Westfalen als siebtes Kind eines Tischlermeisters zur Welt. In seinem Heimatort besuchte er die Volksschule, bevor er im nahegelegenen Bad Essen eine Lehre als Schrift- und Maschinensetzer durchlief.
Nach Abschluss seiner Lehrjahre zog es Wilhelm Heidsiek zunächst ins Ruhrgebiet, wo er u.a. in Essen und Herford arbeitete. Hinzu kam bereits hier eine, auch sein weiteres Leben prägende Weiterbildung. Was 1909 mit Abendkursen an der Essener Fach- und Kunstgewerbeschule begann, setzte er später in Hamburg intensiv im Rahmen des „Arbeiterbildungswesens“ fort.
Zunächst aber kam der junge Schriftsetzer über eine kurze Station in Gelsenkirchen im Mai 1910 nach Cuxhaven, damals noch ein Teil der Freien und Hansestadt Hamburg. Dass ihm die Stadt an der Elbmündung nach dem Ersten Weltkrieg zur zweiten Heimat und nicht zuletzt zur Hauptstätte seines politischen Wirkens werden sollte, war auch ein Ergebnis der zahlreichen Kontakte, die er in seinen frühen Cuxhavener Jahren als Maschinensetzer beim „Cuxhavener Volksblatt“ knüpfen konnte. Hier fand Heidsiek über die Gewerkschaftsbewegung zur Sozialdemokratie, deren Cuxhavener Geschichte in den 1920er Jahren engstens mit seinem Namen verknüpft ist.
Cuxhaven blieb aber vorerst nur eine Zwischenstation: 1912 siedelte er nach Hamburg über, wo er vor allem die in der Großstadt gegebenen Fortbildungsmöglichkeiten nutzte.
Von 1914 bis 1918 war Heidsiek als Soldat im Ersten Weltkrieg. Mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse ausgezeichnet, kehrte er nach Kriegsende nach Hamburg zurück, wo er Arbeit beim „Hamburger Fremdenblatt“ fand. 1919 kehrte er, inzwischen verlobt, nach Cuxhaven zurück, um hier mit politischer und finanzieller Unterstützung des Hamburger Landesverbandes der SPD eine sozialdemokratische Zeitung aufzubauen.
Nach der Ausrufung der „Sozialistischen Republik Cuxhaven“ im Januar 1919 standen die Zeichen günstig, eine breite Leserschaft zu erreichen. Doch die Revolution endete am 1. August 1919 mit der Wiedereinsetzung des Amtsverwalters Friedrich Sthamer durch den Hamburgischen Senat.
Im Oktober 1919 wurde Wilhelm Heidsiek zum Redakteur und Vorstandsmitglied des neu zu gründenden Zeitungsunternehmens gewählt, wobei er Redakteur, Setzer und Drucker in einem war. Die nach dem Cuxhavener Wahrzeichen „Alte Liebe“ benannte Zeitung mit dem Untertitel „Cuxhavener Volksblatt für das hamburgische Amt Ritzebüttel und Umgegend“ erschien erstmals am 1. Dezember 1919.
Der Durchbruch zu einem, auch über sozialdemokratische Parteigrenzen hinweg verbreiteten Medium gelang Heidsiek während des Kapp-Putsches: Trotz Generalstreik und ausbleibenden Matern vom „Hamburger Echo“ konnte die „Alte Liebe“, im Gegensatz zu anderen Zeitungen, weiterhin erscheinen.
Mit der Übernahme einer eigenen Druckerei am 1. Januar 1921 erreichte die „Alte Liebe“ bis zu ihrem Verbot am 15. März 1933 eine Auflage von etwa 3 000 Exemplaren. Parallel zur Etablierung der „Alten Liebe“ vollzog sich der Aufstieg Heidsieks in die Führungsgremien des damals etwa 1400 Mitglieder starken SPD-Stadtverbandes. Bis 1933 gehörte er dem Parteivorstand der Cuxhavener Sozialdemokraten an, zunächst als stellvertretender, ab 1929 als erster Vorsitzender.
Ebenfalls 1929 wurde er Fraktionsvorsitzender der damals 13köpfigen SPD-Ratsfraktion und übernahm die Leitung der Ortsgruppe des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“, die er fünf Jahre zuvor mitbegründet hatte. Heidsieks Interessen waren nicht nur auf die Politik begrenzt: Sein kulturelles und gesellschaftliches Engagement in und für Cuxhaven zeigte sich in vielen Ehrenämtern, u.a. war er Mitglied des Kirchenkreises, saß im Kirchenvorstand und wirkte im Vorstand des Cuxhavener Stadttheaters.
Als Ortsgruppenleiter des Reichsbanners war Heidsiek immer wieder Anfeindungen und Provokationen von Seiten der Nationalsozialisten ausgesetzt. Insbesondere nach der Machtübernahme 1933 kam es wiederholt zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen den Parteiformationen. Zumeist von SA-Trupps provoziert, bot dieser „Straßenterror“ die Basis administrativen Eingreifens gegen die von staatlicher Seite her nicht geschützten Mitglieder des „Reichsbanners“. Heidsiek hingegen nannte in einem Artikel in der „Alten Liebe“ vom 20. Februar 1933 die Schuldigen beim Namen und führte mit Blick auf die SPD-Anhängerschaft aus: „Wer einer Weltanschauung von 12 Millionen Deutschen die Ausrottung ankündigt, wer darüber hinaus noch alle Teile des deutschen Volkes verfemt, die heute der ‚nationalen autoritären‘ Regierung nicht folgen, der verschärft die Gegensätze bis zur Siedehitze. [...] Wer den Haß predigt, [...] sodaß es nicht mehr politische Gegner, sondern erbitterte Feinde gibt, der darf sich nicht wundern, wenn irgendwo ein Funke genügt, um Explosionen hervorzurufen.“ Wilhelm Heidsiek war nur für kurze Zeit Mitglied der Hamburger Bürgerschaft und hatte nicht einmal Gelegenheit, sein Mandat als Volksvertreter wahrzunehmen.
Die am 5. April 1933 gebildete Bürgerschaft, in die Heidsiek als einer von 35 SPD-Abgeordneten einzog, war bereits kein demokratisch legitimiertes Parlament mehr. Freie Wahlen hatte es nach der Zwangsauflösung durch das „Vorläufige Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich“ vom 31. März 1933 nicht mehr gegeben, vielmehr war die Bürgerschaft entsprechend dem Hamburger Reichstagswahlergebnis vom 5. März 1933 umgebildet worden. Als diese „gleichgeschaltete“ Bürgerschaft am 10. Mai 1933 erstmals zusammentrat, waren die Mandate der KPD bereits durch Senatsverordnung vom 5. April kassiert. Aber auch Heidsiek war nicht anwesend, als Alterspräsident Henningsen vom Wirtschaftsbund in seiner Eröffnungsrede verkündete, dass er der letzten demokratischen Bürgerschaft „keine Träne“ nachweine. Die SPD hatte sich aus Protest gegen die am selben Tage verfügte Beschlagnahme ihres Parteivermögens und -eigentums und auch in der Befürchtung, Provokationen und Nachstellungen ausgesetzt zu sein, nicht zur Eröffnungssitzung eingefun-den. Gleichzeitig bekundete sie aber durch ihren Fraktionsvorsitzenden Podeyn schriftlich ihren Willen zur „positiven, sachlichen Mitarbeit“ in der neuen Bürgerschaft. Nur sechs Wochen später, am 23. Juni 1933, wurden die SPD-Abgeordneten, darunter Wilhelm Heidsiek, per Senatsverordnung aus der Bürgerschaft ausgeschlossen.
Nach dem Verbot der SPD am 22. Juni 1933 folgte auch in Cuxhaven die Entlassung wichtiger Parteifunktionäre, darunter Wilhelm Heidsiek, aus Sicherheitsgründen durch die illegale Parteileitung und ihre Ersetzung durch weniger bekannte Parteimitglieder. Dennoch wurde Heidsiek in der Folgezeit mehrfach in „Schutzhaft“ genommen. Im Juni 1933 verurteilte ihn ein Gericht wegen Beteiligung an einer nicht genehmigten Kundgebung im Vorfeld der Reichstagswahlen vom 5. März zu einer insgesamt zehnwöchigen Haftstraße, die er vom 2. Oktober bis zum 16. Dezember 1933 im Gefängnis Otterndorf verbüßte. Später war er mündlicher Überlieferung zufolge noch einmal sieben Monate in Fuhlsbüttel inhaftiert.
Das Verbot der sozialdemokratischen Presse kam für Wilhelm Heidsiek einem Berufsverbot gleich. Die „Alte Liebe“ erschien zuletzt am 15. März 1933, das Vermögen der „Cuxhavener Volksblatt GmbH“ wurde am 10. Mai im Zuge einer reichsweiten Aktion gegen Zeitungen und Büros der SPD von den Nationalsozialisten beschlagnahmt.
Ab dem 1.August 1933 erschien in dem Mitte 1932 fertiggestellten Pressehaus am Kaemmererplatz, in dem auch die Heidsieks wohnten, das nationalsozialistische „Cuxhavener Tageblatt“. Eine bescheidene wirtschaftliche Existenz konnte Wilhelm Heidsiek seiner Familie durch den Handel mit Seifen und Waschmitteln sowie durch eine Tätigkeit als Steuerberater sichern. Seine damit verbundene Reisetätigkeit gab ihm zugleich Gelegenheit, Kontakt zu illegalen Parteikreisen in Norddeutschland und zu Exilkreisen in Skandinavien zu halten.
Im engsten Freundeskreis gab er Schriften der illegalen Parteiorganisation weiter, die entweder ihm selbst oder dem ihm eng befreundeten Sozialdemokraten August Lück zugänglich gemacht wurden.
Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 wurde Wilhelm Heidsiek verhaftet. Von August bis Oktober war er im Cuxhavener Gefängnis inhaftiert, wurde aber nicht entlassen, sondern ins Konzentrationslager Neuengamme gebracht.81 Dort kam er am 7. November 1944 unter ungeklärten Umständen ums Leben.
In Cuxhaven trägt heute eine Straße den Namen Wilhelm Heidsieks. Im einem nach ihm benannten Verlag werden Schriften des „Fördervereins zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Stadt und Landkreis Cuxhaven“ gedruckt und vertrieben.