Wlodzimierz Lipka
* 1944
ZWANGSARBEITSLAGER KAMPCHAUSSEE
DEUTSCHE KAP-ASBEST-WERKE
1943 – 1945
56 KINDER VON POLNISCHEN ZWANGSARBEITERINNEN
VERNACHLÄSSIGT – UNTERERNÄHRT - ERMORDET
WLODZIMIERZ
LIPKA
GEB. 17.4.1944
TOT 27.9.1944
Kurt-A.-Körber-Chaussee 9
Weitere Stolpersteine in Kurt-A.-Körber-Chaussee 9: Helena Christina Zdobych | Krysta Zapaua | Kasimir Wojewodzic | Barbara Wojekowska | Zbigniew Wojcik | Sofie Wietrak | Danuscha Wezyk | André Wasiak | Irene Tylczak | Juruch Turczyn |
Krysta Zapaua, geb. am 21.6.1944 in Hamburg, verstorben am 10.9.1944 in Hamburg
Kasimir Wojewodzic, geb. am 31.8.1944 in Hamburg, verstorben am 22.4.1945 in Hamburg
Barbara Wojekowska, geb. am 21.12.1944 in Hamburg, verstorben am 6.2.1945 in Hamburg
Zbigniew Wojcik, geb. am 3.7.1944 in Hamburg, verstorben am 8.9.1944 in Hamburg
Sofie Wietrak, geb. am 10.4.1944 in Hamburg, verstorben am 12.5.1945 in Hamburg
Danuscha Wezyk, geb. am 18.9.1944 in Hamburg, verstorben am 6.11.1944 in Hamburg
André Wasiak, geb. am 9.7.1944 in Hamburg, verstorben am 27.8.1944 in Hamburg
Irene Tylczak, geb. am 25.1.1944 in Hamburg, verstorben am 17.2.1944 in Hamburg
Juruch Turczyn, geb. am 11.5.1944 in Hamburg, verstorben am 29.4.1945 in Hamburg
Kurt-A.-Körber-Chaussee 9
Wlodzimierz Lipka, geb. am 17.4.1944 in Hamburg, verstorben am 27.9.1944 in Hamburg
Kurt-A.-Körber-Chaussee 9 (Bergedorf)
ehemals Lager Kampchaussee 9/11, Deutsche Kap-Asbest-Werke AG
Wlodzimierz Lipka kam am 17. April 1944 in Hamburg zur Welt. Seine Mutter Zofia Lipka, geb. am 1.4.1911 in Stanislawow, war römisch-katholischen Glaubens und ledig. Ihr Sohn Andreas überlieferte, dass während des Krieges um 1942/43 Soldaten mit Lastwagen ihr polnisches Dorf erreichten, dort in die Häuser stürmten und arbeitsfähige junge Frauen aussuchten, die sie ohne Rücksicht auf die Familie mitnahmen und nach Hamburg verschleppten. Eine vor dem Krieg geborene Tochter musste Zofia Lipka zurücklassen. Sie wurde zunächst zur Zwangsarbeit in das „Bahnbetriebswagenwerk“ nach Hamburg-Langenfelde verbracht und musste dort für die Deutsche Reichsbahn die Züge reinigen, die von den Deportationen aus dem Osten zurückgekehrt waren. In dieser Zeit war sie schwanger.
Zwei Tage vor der Geburt ihres Kindes erfolgte für sie die Verlegung nach Hamburg-Bergedorf in das Lager Kampchaussee 9 (heute Kurt-A.-Körber-Chaussee) zur Zwangsarbeit zunächst als „Küchenhilfe“ für die Deutsche Kap-Asbest-Werke AG. Am Tag der Geburt ihres Kindes wurde Zofia Lipka in der Frauenklinik Finkenau, Hamburg-Uhlenhorst, aufgenommen.
Acht Tage nach der Entbindung kam sie mit ihrem Sohn Wlodzimierz am 25. April 1944 zurück in das Lager Kampchaussee. Dort musste Wlodzimierz die kurze Zeit seines Lebens verbringen. Die Ernährungs- und Lebensbedingungen waren für ihn völlig unzureichend.
Am 30. Mai 1944 wurde er in das Allgemeine Krankenhaus Langenhorn mit der Diagnose „Ernährungsstörung“ eingeliefert. Er blieb dort über zwei Monate bis zum 8. August 1944, dann kehrte er in das Lager Kampchaussee zurück.
Einen Monat später kam Wlodziemierz am 7. September 1944 wieder in das Allgemeine Krankenhaus Langenhorn. Die Diagnose lautete wie zuvor „Ernährungsstörung“. Währenddessen wurde seine Mutter Zofia Lipka am 25. September 1944 mit der Diagnose „Glaskrätze (Berufskrankheit)“ ebenfalls in das Allgemeine Krankenhaus Langenhorn aufgenommen. Sie war im zweiten Monat einer neuen Schwangerschaft.
Nach dreiwöchigem Krankenhausaufenthalt verstarb Wlodzimierz dort am 27. September 1944 um 12:00 Uhr. In der Todesanzeige des Krankenhauses ist als Todesursache „Pädatrophie“ (Auszehrung – schwerster Grad der Ernährungsstörung) und als unterzeichnender Arzt Blumenthal angegeben.
Wlodzimierz wurde 5 Monate und 10 Tage alt.
Sieben Tage nach seinem Tod fand seine Beisetzung am 4. Oktober 1944 auf dem Friedhof Ohlsdorf statt, Grablage: Q 39, Reihe 7, Nr. 23. Sein Grab ist nicht mehr erhalten. Ende des Jahres 1959 wurde es zusammen mit mindestens 146 Gräbern der Kinder von Zwangsarbeiterinnen auf Areal Q 39 eingeebnet.
Zofia Lipka wurde sieben Tage nach der Beerdigung ihres Sohnes Wlodzimierz zurück in das Lager Kampchaussee entlassen und trotz ihrer vermutlich durch die Arbeit mit Asbestfasern verursachten Krankheit zur Zwangsarbeit in den Asbestwerken eingesetzt.
Ein Jahr nach Wlodzimierz‘ Geburt brachte Zofia Lipka am 27. März 1945 um 5:30 Uhr im Lager Kampchaussee ihren zweiten Sohn Andrzej zur Welt. Die Dolmetscherin Danuta Czekajowska zeigte den Geburtsfall mündlich an und wies sich durch Lagerausweis aus.
Andrzej, später Andreas, erinnerte sich als 73-jähriger Zeitzeuge an die wenigen Erzählungen seiner Mutter Zofia Lipka: Es sei eine schwierige Zeit gewesen; Andrzej sei im Lager Kampchaussee den ganzen Tag sich selbst überlassen geblieben, erst abends, nach schwerer Arbeit, habe seine Mutter ihn stillen können. Als er unter „Hungerstarre“ gelitten und seinen Mund nicht mehr habe öffnen können, sei dies mit einem Löffel unter großem Kraftaufwand geschehen. Als Andrzej in das Krankenhaus Langenhorn eingeliefert werden sollte, habe sich Zofia Lipka standhaft geweigert, ihn dorthin abzugeben – sie habe Angst gehabt, er werde dort „totgespritzt“.
Sie überlebte mit ihrem Sohn Andrzej die Zeit der Zwangsarbeit. Nach Kriegsende sollte sie in ihre Heimat Polen zurückgeschickt werden. Aus Angst vor Repressalien wehrte sie sich gegen eine Repatriierung: „Lieber von Kapitalisten knechten als von Kommunisten befreien lassen“, sei ihre Haltung gewesen.
Nun begann eine Nachkriegs-Odyssee von Lager zu Lager für sie und ihren kleinen Andrzej. Sie führte von Lübeck, wo sie 1946 einen weiteren Sohn zur Welt brachte, nach Flensburg, wo 1948 eine Tochter geboren wurde. Auch in dieser Zeit fanden sich in den Lagern immer wieder Gruppen ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter als Schicksalsgemeinschaften zusammen. Zofia Lipka lernte hier den ebenfalls aus Polen stammenden ehemaligen Zwangsarbeiter Franciszek Szusdak, geb. am 4.10.1910 in Wolasacziske/b. Nisko, kennen. Im August 1950 erkannte er Andrzej als ehelichen Sohn an.
In Hamburg wurde die Familie im Lager Dammtor bei Planten und Bloomen untergebracht, dann im Lager Funkturm.
Zofia Lipka und Franciszek Szusdak heirateten am 7. Februar 1950 in Billstedt standesamtlich, ob auch kirchlich, ist bisher nicht bekannt. Die Arbeitsmöglichkeiten blieben für Zofia Szusdak als Analphabetin eingeschränkt. Ab 1956 konnte sie in Hamburg-Bahrenfeld in der Fischfabrik der Großeinkaufsgenossenschaft (GEG), Daimlerstraße, am Fließband Fische in Dosen verpacken.
Um 1963 bezog die Familie eine Wohnung in Hamburg-Rothenburgsort in der Marckmannstraße 167, wo Zofia bis an ihr Lebensende blieb. Einige Jahre noch fuhr sie von dort nach Bahrenfeld zu ihrer Arbeitsstelle. Dann fand sie in der Wäscherei des Kinderkrankenhauses Rothenburgsort eine Anstellung, wo sie bis zu ihrem Renteneintritt blieb.
Ihr Sohn Andrzej heiratete 35-jährig im Oktober 1980 in Hamburg. Noch immer galt er als „heimatloser Ausländer“. Im folgenden Jahr erwarb er die deutsche Staatsangehörigkeit und ließ seinen Vor- und Nachnamen eindeutschen. Ihm verdanken wir das Foto seiner Mutter. Trotz ihrer Arbeit in den Asbestwerken blieb sie bei guter Gesundheit und – so der Sohn – sei froh gewesen, dass sie nach dem Krieg in Hamburg habe bleiben können.
Einige Jahre nach ihrem Ehemann verstarb Zofia Szusdak am 22. November 2002 in Hamburg im Alter von 91 Jahren.