Max Mendel
* 1872
MAX MENDEL
JG. 1872
SENATOR 1925-29
DEPORTIERT
THERESIENSTADT
TOT 10.8.1942
Rathausmarkt 1 Rathaus
Weitere Stolpersteine in Rathausmarkt 1 Rathaus: Hans Westermann | Ernst Thälmann | Theodor Skorzisko | Otto Schumann | August Schmidt | Fritz Simon Reich | Friedrich Lux | Franz Jacob | Hermann Hoefer | Ernst Henning |
Die politische Vita des von der Sozialdemokratie zur KPD gewechselten Bürgerschaftsmitgliedes Hans Westermann ist durch die Kontroversen geprägt, die sein politischer Pragmatismus Ende der 20er Jahre innerhalb der radikalisierten und dogmatisierten KPD auslöste. Sein letztlich gescheiterter Versuch einer Annäherung der KPD an die Sozialdemokratie spiegelt die gesamte Tragik wider, die sich aus der Spaltung der Arbeiterparteien für das Schicksal der Arbeiterbewegung, ihrer führenden Repräsentanten, aber letztlich auch für den Weimarer Staat insgesamt ergaben. Die von Westermann bekämpfte dogmatische Realitätsferne der Parteiführung war Ausdruck politischer Konzeptionslosigkeit, die nur mühsam hinter dem Schleier des auch von der deutschen KPD betriebenen Personenkultes verborgen werden konnte.
Die historiographische Beurteilung der Rolle Ernst Thälmanns, der die deutschen Kommunisten am Vorabend und auf dem Höhepunkt der Großen Krise der späten 1920er und frühen 1930er Jahre führte, war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die Auseinandersetzung mit der früheren marxistischen Geschichtsschreibung geprägt, die ihn in einer Art heroisierender Legendenbildung zum „Führer der revolutionären Avantgarde“ und zum „bedeutenden Sohn“ des deutschen Volkes stilisierte.
Theodor Franz Leopold Skorzisko wurde am 9. November 1899 im oberschlesischen Raschlowitz (Kreis Neustadt) geboren. Nach Abschluss der Volksschule besuchte er zunächst eine landwirtschaftliche Fachschule, arbeitete jedoch nicht im Agrarbereich, sondern als Elektromonteur. In den 1920er Jahren war er zeitweilig in der Firma des später in die USA emigrierten Hamburger Verlegers Weissenberger tätig.
Otto Schumann wurde am 5. November 1988 in Magdeburg-Buckau geboren. In seiner Heimatstadt besuchte er zunächst die Volksschule und lernte anschließend den Beruf des Formers.
August Friedrich Schmidt kam am 13. Juli 1884 in Königsaue bei Quedlinburg zur Welt, wo er nach Abschluss der Volksschule zunächst als Landarbeiter tätig war. 1906 siedelte er nach Hamburg über. Hier fand er zunächst Beschäftigung auf einer Werft im Hafen, die er später jedoch für eine Anstellung am Staatskai aufgab.
Fritz Simon Reich wurde am 31. August 1868 als Sohn jüdischer Eltern in Königsberg/Ostpreußen geboren. Hier besuchte er das Gymnasium bis zur Obersekunda, um anschließend eine kaufmännische Lehre in einem Königsberger „Engrosgeschäft für Kolonialwaren“ zu absolvieren.
Friedrich Albert Lux wurde am 28. September 1892 im Imten/Kreis Wehlau (Ostpreußen) als Sohn des Arbeiters Carl Lux und seiner Ehefrau Wilhelmine geboren. Nach 8 Jahren Volksschulbesuch war er gezwungen, seinen eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, und kam 1907 mit 15 Jahren über Umwege nach Hamburg. Hier fand er Arbeit im Hafen und somit den Weg in die Arbeiterbewegung. Ein Jahr später schloss er sich der „Sozialistischen Arbeiterjugend“ (SAJ) an und trat im selben Jahr der SPD bei. 1911 wurde er Mitglied der Hafenarbeitergewerkschaft.
„Wenn man sich nur einen Augenblick intensiv mit politischen Angelegenheiten beschäftigt, kommt in mir immer stärker der Wunsch hoch, selbst mittendrin zu stehen“, schrieb der 20jährige Franz Jacob 1926 in sein Tagebuch.90 Nur wenige Jahre später war er als Leiter des „Kommunistischen Jugendverbandes“ in Hamburg, als Funktionär der KPD-Bezirksleitung „Wasserkante“, als Bürgerschaftsabgeordneter und schließlich als eine der führenden Persönlichkeiten des kommunistischen Widerstandes in Deutschland.
Rede von Hilde Jacobs anlässlich der Enthüllung des Stolpersteins für ihren Großvater am 10.10.2009 in der Eppendorfer Landstraße 74
Das Bürgerschaftsmitglied Ernst Robert Henning wurde Opfer der gewalttätigen politischen Auseinandersetzungen auf dem Höhepunkt der „Großen Krise“ zu Beginn der 1930er Jahre. 1931, zwei Jahre vor der nationalsozialistischen Machtübernahme, wurde er von einem SA-Trupp, der eigentlich dem Bürgerschaftsmitglied und KPD-Funktionär Etkar André aufgelauert hatte, ermordet. Geboren am 12. Oktober 1892 in Magdeburg, erlernte Henning nach dem Besuch der Volksschule das Formerhandwerk. Er arbeitete in verschiedenen Gießereien, trat nach Abschluss seiner Lehre dem „Deutschen Metallarbeiterverband“ und noch vor 1914 der SPD bei.
Rathausmarkt 1 Rathaus
Ida Mendel, geb. Lobatz, geb. 3.8.1880, deportiert am 19.7.1942 nach Theresienstadt, Todesdatum dort 18.6.1943
Max Mendel, geb. 19.5.1872, deportiert am 19.7.1942 nach Theresienstadt, Todesdatum dort 10.8.1942
Max Mendel wurde am 19.5.1872 in Hamburg in eine Familie hineingeboren, die schon seit etwa 100 Jahren in Hamburg ansässig war. Sein Vater betrieb einen Großhandel für Steinkohle und Sackleinen. Er schickte seinen Sohn Max auf das Realgymnasium des Johanneums. Mit 14 Jahren musste Max Mendel die Schule verlassen, weil er schwer erkrankte; davon behielt er eine lebenslange Gehbehinderung. Sein älterer Bruder Joseph gab ihm Privatunterricht, der ihn mit sozialistischem Gedankengut vertraut machte.
Max Mendel absolvierte eine Ausbildung in der väterlichen Firma und studierte anschließend in Berlin einige Semester Ökonomie und Sozialwissenschaften. 1900 übernahm er im Aufsichtsrat der „Produktion“, des Konsum-, Bau- und Sparvereins, die Funktion eines Schriftführers; 1909 wurde er in ihren Vorstand berufen. Als die Hamburger Bürgerschaft 1911 eine Sondersteuer für Konsumgenossenschaften beschloss, gründete er als Gegenmaßnahme die Handelsgesellschaft Produktion, die für alle offen war. Gebäude der „Pro“-Betriebe, wie die Genossenschaft und Handelsgesellschaft im Volksmund hieß, stehen bis heute in Hamm-Süd.
Max Mendel wurde 1913 bei der Deutsch-Israelitischen Gemeinde als Bankdirektor geführt. Seine erste Frau, Sophie, war längst gestorben. Er hatte danach Anna, geb. Lobatz, geheiratet. Aus dieser Ehe gingen die beiden Söhne Kurt, geb. 11.11.1903, und Robert, geb. 24.7.1907 sowie die Tochter Gertrud, geb. 26.5.1905 hervor. Familie Mendel wohnte in der Nähe der „Pro“ in der Diagonalstraße 8. Von 1925 bis 1929 saß Max Mendel für die SPD im Senat und war für Wirtschaftsfragen zuständig. Er wurde von verschiedenen Seiten, auch aus den eigenen Reihen, wegen seiner gemeinwirtschaftlichen Aktivitäten und seines Judentums angegriffen. Deshalb trat er freiwillig zurück.
Die Familie lebte großbürgerlich, gebildet, kultiviert, wie es sein Neffe Arie Goral-Sternheim in seiner Autobiographie „Jeckepotz“ höchst anschaulich beschreibt. 1932 wurde Max Mendel abermals Witwer und teilte die Wohnung mit seiner Schwiegermutter Bertha Lobatz in der Hirtenstraße 10, wo auch die Schwägerin Ida wohnte. Im Gefolge des offenen Antisemitismus wanderten die Söhne aus. Gertrud heiratete einen „Arier“, wodurch sie und ihr Sohn Ulrich in Hamburg überleben konnten.
Von der Hirtenstraße zog Max Mendel mit Schwiegermutter und Schwägerin in die Hammer Landstraße 59, auf der Grenze zwischen „Oben“ und „Unten Hamm“. 1938 heiratete er seine Schwägerin Ida, die um zwei Jahre jüngere Schwester seiner Frau Anna. Sie wurde am 3.8.1880 in Schwedt geboren. Mehrfach lebten weitere Personen im Haushalt, die ihre angestammten Wohnungen hatten aufgeben müssen. Max Mendel bemühte sich vergeblich um eine Auswanderung.
1941 erlebten Mendels den unfreiwilligen Auszug ihrer Nachbarn Rosenbaum, als sie der Aufforderung zur Deportation nach Lodz folgten. Sie selbst wurden in ein „Judenhaus“ in Altona, Breite Straße 46, umquartiert. Dort erreichte sie der Aufruf zur ihrer Deportation am 19. Juli 1942 in das Getto Theresienstadt.
Max Mendel starb drei Wochen nach seiner Ankunft im Getto, seine Schwiegermutter zwei Monate später. Ida Mendel starb am 18. Juni 1943 um 15 Uhr an einem Blutsturz im Gefolge einer Lungentuberkulose, wie die Todesfallanzeige ausweist.
Bei der Einweihung der Stolpersteine für Familie Mendel wurde die wirtschaftliche Bedeutung Max Mendels für Hamburg mit der Albert Ballins verglichen. An Ballin erinnert der Ballindamm an der Alster, an Max Mendel die Mendelstraße in Lohbrügge. Vor dem Hamburger Rathaus wurde 2005 als 1000. Stolperstein in Hamburg der für den Senator Max Mendel gesetzt.
(Zu den Familien Lobatz-Mendel s. a. Aufsatz von Ulrich Bauche in 'Stolpersteine in Hamburg-Hamm', S. 148, siehe Literatur).